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Das Naturhistorische Museum Wien (NHM) feiert 200 Jahre österreichisch-brasilianische Beziehungen mit einer außergewöhnlichen Ausstellung. Alles begann mit einer dynastischen Heirat im Jahr 1817, als Erzherzogin Maria Leopoldina von Österreich Dom Pedro, Herzog von Braganza, heiratete – den Mann, der der erste Kaiser von Brasilien werden sollte. Österreichische Wissenschaftler und Abenteurer gehörten zu den ersten, die Brasiliens außergewöhnliche Artenvielfalt und Tierwelt dokumentierten. Die Ausstellung befasst sich mit dem transatlantischen Sklavenhandel, der portugiesischen Kolonialherrschaft und den katastrophalen Auswirkungen auf Brasiliens indigene Bevölkerung. Der jüngste WWF-Bericht „Living Planet 2022“ verdeutlicht die prekäre Situation insbesondere in Lateinamerika, wo die Zahl der Wildtiere im Vergleich zu 1970 um 94 % zurückgegangen ist. Die Ausstellung des NHM schärft das Bewusstsein und klärt auf.  Aus der Geschichte kann man viele Lehren ziehen – wenn man bereit ist zu lernen.

Diana Mautner Markhof, 2. November 2022

„Bella gerant alii, tu felix Austria nube. „
(Andere führen Kriege, du, glückliches Österreich, heirate!)

Das erstmals 1364 im Wappen von Erzherzog Rudolf IV. aufgezeichnete Motte der erfolgreichen, dynastischen Heiratspolitik des Hauses Habsburg war bekannt dafür, seine jungen Erzherzöge und Erzherzoginnen mit den Nachkommen anderer Königshäuser zu verheiraten, um Blutsbande zu schaffen und Kriege zu vermeiden. Die Ehe von Marie Antoinette mit Louis-Auguste, dem Thronfolger Frankreichs, ist vielleicht das bekannteste (und tragischste) Beispiel für diese Politik. Doch es gibt noch Dutzende anderer Beispiele, eines davon ist die Heirat der Erzherzogin Maria Leopoldina mit Dom Pedro von Portugal, die den Beginn der 200-jährigen Verbindung Österreichs mit Brasilien darstellte.

Während des Habsburgerreiches (1278-1918) war Wien nicht nur die Hauptstadt einer Großmacht, sondern auch ein Weltzentrum der Kultur und Wissenschaft. Das Naturhistorische Museum (NHM) und sein Zwillingsmuseum, das Kunsthistorische Museum (KHM), können auf eine lange Geschichte zurückblicken – 270 Jahre, um genau zu sein.

Im Jahr 1750 erwarb der römische Kaiser Franz I. Stephan von Lothringen, der Ehemann von Kaiserin Maria Theresia, von dem Florentiner Gelehrten und Wissenschaftler Jean de Baillou die damals größte und bekannteste Sammlung naturhistorischer Objekte. Dieser Kauf sollte der erste Schritt zur Gründung des NHM sein. Sie umfasste 30 000 Objekte – seltene Fossilien, Schnecken, Muscheln und Korallen sowie wertvolle Mineralien und Edelsteine.

1755 organisierte Kaiser Franz, der Gründer des Schönbrunner Zoos (1752) und des Botanischen Gartens (1753), eine große wissenschaftliche Expedition. Nicolaus Joseph Jacquin, ein berühmter Botaniker und Chemiker, wurde beauftragt, in die Karibik, die Antillen, nach Venezuela und Kolumbien zu reisen. Er brachte zahlreiche lebende Tiere und Pflanzen für den Zoo und den botanischen Garten sowie 67 Kisten mit anderen interessanten Gegenständen aus der Natur zurück.

Nach dem Tod des Kaisers im Jahr 1765 schenkte Maria Theresia (1717-1780) die naturwissenschaftliche Sammlung der Habsburger dem Staat und öffnete das Vorgängermuseum des NHM für die Allgemeinheit.

Heute ist das NHM eines der wichtigsten Forschungsmuseen der Welt und beherbergt einzigartige Sammlungen mit 30 Millionen Objekten aus den Bereichen Biologie, Geowissenschaften, Anthropologie und Archäologie. Ein Nachmittag im NHM erinnert an Szenen aus Jurassic Park: große Dinosaurierskelette folgen einem von Schritt zu Schritt. In 39 prächtigen Ausstellungsräumen, die sich über eine Fläche von 8460 Quadratmetern erstrecken, sind mehr als 100 000 Objekte zu sehen. Das NHM beherbergt mehr als 60 ansässige Wissenschaftler und zahlreiche Gastforscher.

KHM
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Natural History Museum, Vienna

Das Kaiserreich Brasilien und seine österreichische Kaiserin

Eine der aktuellen Ausstellungen im NHM ist „Brasilien – 200 Jahre Beziehungen“. Die Ausstellung läuft noch bis April 2023 und stellt die einzigartige Biodiversität Brasiliens aus historischer Sicht in den Mittelpunkt. Die Ausstellung erläutert die jahrhundertealte Verbindung zwischen den beiden Ländern, die durch die dynastische Heirat von Erzherzogin Maria Leopoldina von Österreich (der vierten Tochter von Kaiser Franz II. und seiner zweiten Frau Maria Theresia von Neapel und Sizilien) mit dem portugiesischen Thronfolger Dom Pedro im Jahr 1817 auf die Habsburger Monarchie zurückgeht. Sie heiratete Dom Pedro in Wien im Rahmen einer Stellvertreterhochzeit. Diese Verbindung war nicht nur von politischer Bedeutung, sondern hatte auch einen nachhaltigen Einfluss auf die Wissenschaft und letztlich auf die Zukunft Brasiliens. Dom Pedro und Erzherzogin Maria Leopoldina wurden der erste Kaiser und die erste Kaiserin von Brasilien.

Maria Leopoldina Dom Pedro

Unter der Schirmherrschaft von Kanzler Prinz Klemens Wenzel von Metternich – einem der mächtigsten Staatsmänner seiner Zeit und Gastgeber des Wiener Kongresses (1814-1815) – wurde eine große Expedition organisiert, um die königliche Hochzeit von Maria Leopoldina und Dom Pedro zu feiern. Zwei österreichische Fregatten begleiteten Maria Leopoldina auf ihrer Reise nach Rio, um ihren Ehemann zu treffen.

Während dieser vierjährigen Expedition sammelten und dokumentierten angesehene Wissenschaftler die exotische Fauna und Flora Brasiliens und sammelten Proben von Mineralien und ethnologischen Schätzen. Der berühmte Tierpräparator Johann Natterer verlängerte seinen Aufenthalt auf 18 Jahre und bereiste in dieser Zeit die Regenwälder Südamerikas. Er schickte Zehntausende von ethnografischen Objekten und Exemplaren zurück nach Wien – viele davon waren damals noch unbekannt. Er schickte auch lebende Tiere für die kaiserliche Menagerie (Schönbrunner Zoo) zurück.

KHM
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1821 platzte das Naturhistorische Kabinett in der Hofburg aus allen Nähten. Ein neues, ausschließlich Brasilien gewidmetes Museum, das Brasilianum, wurde im Zentrum von Wien eröffnet, zugänglich für die Öffentlichkeit. Das Brasilianum wurde zu einer der größten Attraktionen seiner Zeit. Im Jahr 1836 schloss es seine Pforten. Einige dieser Schätze können Besucher in der aktuellen NHM-Ausstellung „Brasilien – 200 Jahre Beziehungen“ bestaunen.

KHM
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Am 7. September 1822 erklärte Dom Pedro die Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal und krönte sich am 1. Dezember zum Kaiser von Brasilien. In einem Brief an ihren Mann drängte die Erzherzogin von Österreich, Maria Leopoldina, zu diesem Schritt: „Brasilien ist wie ein Vulkan … Mit oder ohne Ihre Hilfe wird es sich abspalten. Der Apfel ist reif, pflücke ihn jetzt, sonst wird er schlecht … Pedro, dieser Moment ist der wichtigste deines ganzen Lebens … Du wirst die Unterstützung ganz Brasiliens haben.“

Kolonialismus und Sklavenhandel

Die Ausstellung des NHM befasst sich auch mit Kolonialismus und Sklavenhandel. Das Habsburgerreich schloss sich nicht dem Kolonialrausch anderer Großmächte auf dem amerikanischen Kontinent an – das waren Frankreich, Großbritannien, Spanien und Portugal. Österreich war weder am Sklavenhandel noch an der Kolonisierung Süd- (oder Nord-) Amerikas oder den damit verbundenen Auswirkungen auf Umwelt und Menschen beteiligt.

Der brasilianische Sklavenhandel begann 1550, kurz nach der Eroberung Brasiliens durch Portugal im Jahr 1500. Sklaven arbeiteten auf den Zuckerrohrfarmen. Neben Zuckerrohr wurden auch Baumwolle, Kaffee, Tabak, Gold und andere Edelmetalle angebaut bzw. abgebaut. Portugal beutete die natürlichen Ressourcen Brasiliens aus, ohne sich um die Auswirkungen auf die indigene Bevölkerung zu kümmern.

Bis 1600 hatten die Portugiesen über 100 solcher Monokulturen in ganz Brasilien angelegt. Die Sklaven wurden hauptsächlich aus Afrika „importiert“. Die Schiffe, die die Sklaven transportierten, kehrten mit Waren aus Brasilien nach Europa zurück. Es wird geschätzt, dass fast fünf Millionen afrikanische Sklaven nach Brasilien verschifft wurden. Im Jahr 1888 wurde die Sklaverei in Brasilien abgeschafft.

Slave Trade

Brasiliens Fauna und Flora in Gefahr: WWF 2022 Living Planet Report

In dieser einzigartigen Ausstellung werden Brasiliens einzigartige natürliche Lebensräume vorgestellt: der immergrüne Regenwald des Amazonas, die riesige Atlantikküste, die dichte Wildnis des Atlantischen Waldes, der so genannte „Weiße Wald“ in der Caatinga, die tropischen Sümpfe des Pantanal, die hochspezialisierten Gräser der Pampa und die unwirtlichen Savannen des Cerrado. Die Ausstellung dokumentiert die reiche biologische Vielfalt Brasiliens damals und heute.

Die historische Perspektive nimmt den Ausstellungsbesucher mit auf eine Zeitreise ins historische Brasilien und zeigt, wie sich diese Lebensräume verändert haben bzw. verschwunden sind. Schuld daran sind die Auswirkungen des Klimawandels und harte wirtschaftliche Interessen bzw. die der lokalen Politik – Abholzung und Bergbau sind nach wie vor weit verbreitet.

Der kürzlich veröffentlichte WWF-Bericht „Living Planet 2022“ dokumentiert den anhaltenden rapiden Rückgang der Wildtiere auf unserem Planeten im Vergleich zum Stand von 1970. Heute leben 69 % weniger Wildtiere auf unserem Planeten, und die Zahl der Amphibien, Reptilien, Vögel, Fische und Wassersäugetiere ist um 83 % zurückgegangen. Die geografischen Gebiete, die am stärksten von dieser Dezimierung der Wildtiere und ihrer Lebensräume betroffen sind, sind Lateinamerika und die karibischen Inseln mit einem Rückgang der Wildtiere um bis zu 94%.

(https://wwflpr.awsassets.panda.org/downloads/lpr_2022_full_report.pdf)

Brasilien ist das fünftgrößte Land der Erde mit der größten biologischen Vielfalt der Welt. Man schätzt, dass in Brasilien etwa 1,8 Millionen verschiedene Arten leben, die die 8,5 Millionen Quadratkilometer bevölkern. 19 000 dieser Pflanzen- und Tierarten kommen nur in Brasilien vor. In der Vergangenheit haben die Portugiesen die natürlichen Ressourcen Brasiliens ausgebeutet und weite Teile der unberührten Natur zerstört. Diese Zerstörung geht auch heute noch weiter – jeden Tag werden etwa 40,46 Quadratkilometer Amazonas-Regenwald vernichtet. Es ist nicht bekannt, wie viele Arten stillschweigend verschwunden sind, aber es ist klar, dass viele Tiere, Fische, Insekten, Vögel und Pflanzen vom Aussterben bedroht sind.

Die zeitgemäße Ausstellung im NHM unterstreicht, wie wichtig es ist, jetzt zu handeln, um natürliche Lebensräume und ihre Tierwelt zu schützen. Ob Regenwälder, Sümpfe oder Savannen – Brasilien muss diese Lebensräume und die dort lebenden Tiere und Pflanzen für künftige Generationen bewahren. Der Reichtum an historischen Informationen und Dokumenten im NHM kann eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung wichtiger Forschung und der Sensibilisierung der Öffentlichkeit spielen. Aus der Geschichte kann man viele Lehren ziehen – wenn man bereit ist zu lernen.

Bild oben: Frontispiz von Joseph Selleny. © Naturhistorisches Museum, Wien, Alice Schumacher
Bilder der Räume: Erzherzogin Leopoldine (Joseph Kreutzinger, 1815) und Dom Pedro von Portugal (Gianno, 1830) © NHM Wien, Christina Rittmannsperger
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