Ende Oktober 2024 ließen Forschende Drohnen über den Stränden Südgeorgiens aufsteigen. Sie erwarteten ein Bild, das die Insel seit Jahrzehnten geprägt hatte: dichte Kolonien Südlicher See-Elefanten, dicht gedrängt entlang der Küste. Doch stattdessen lagen weite Sandflächen auf unheimliche Weise leer. Was zunächst wie eine vorübergehende Anomalie wirkte, entpuppte sich bald als einer der dramatischsten jemals dokumentierten Bestandszusammenbrüche von Meeressäugern im Südatlantik – und als Folge eines neu aufgetretenen Virus.

Eine in Communications Biology veröffentlichte Studie (Bamford et al (2025)) bestätigt nun das Ausmaß des Einbruchs: Zwischen 2022 und 2024 sank die Zahl der brütenden weiblichen See-Elefanten auf der südatlantischen Insel Südgeorgien um 47 Prozent. Da dort mehr als die Hälfte der weltweiten Brutpopulation lebt, bedeutet dieser Rückgang, dass in nur einer Saison schätzungsweise 53.000 Weibchen fehlten. Ein Verlust von bislang unbekanntem Ausmaß – und einer, der die Zukunft der gesamten Art infrage stellt.

Südliche See-Elefanten (Mirounga leonina) sind die größten Robben der Erde. Die Bullen können fast sechs Meter lang werden und bis zu vier Tonnen wiegen, während Weibchen in der Regel etwa drei Meter Länge erreichen und rund drei Tonnen auf die Waage bringen. Den Großteil ihres Lebens verbringen sie auf See: Sie tauchen in Tiefen von mehr als 1.500 Metern und legen auf der Suche nach Fisch und Tintenfisch Tausende Kilometer durch antarktische und subantarktische Gewässer zurück. Einmal im Jahr kehren sie zur Fortpflanzung an Land zurück. Die Weibchen bringen wenige Tage nach ihrer Ankunft ihre Jungen zur Welt, säugen sie, paaren sich erneut und verschwinden dann wieder im Ozean. Über Jahrzehnte blieb die Population Südgeorgiens bemerkenswert stabil. Diese Stabilität brach mit der Ankunft eines Virus zusammen, das eigentlich nie so weit nach Süden hätte gelangen sollen.

Verantwortlich ist eine besonders aggressive Variante der Vogelgrippe: H5N1, genauer eine sich rasch ausbreitende Linie des Virus mit der Bezeichnung Klade 2.3.4.4b. Influenzaviren zirkulieren natürlicherweise in Wildvögeln und verändern sich fortlaufend durch Mutationen und genetische Durchmischung. Außergewöhnlich an dieser Variante ist daher nicht ihr Ursprung, sondern ihre beispiellose globale Ausbreitung – und die wachsende Zahl von Wirtsarten, die sie infizieren kann.

Seit etwa 2020 hat sich diese Linie rasant über Kontinente hinweg ausgebreitet, vor allem getragen von Zugvögeln. Dabei verdrängte sie ältere Varianten des Virus und begann, in einem bislang selten beobachteten Ausmaß auch Säugetiere zu infizieren – darunter Seelöwen, Robben, Füchse und Otter. Bei vielen Arten führten die Ausbrüche zu Massensterben.

Menschliches Handeln hat diese Ausbreitung indirekt, aber entscheidend begünstigt. Industrielle Geflügelhaltung, globale Handelsströme und dicht gedrängte Nutztierbestände schaffen ideale Bedingungen dafür, dass sich Viren massenhaft vermehren können. Große Ausbrüche in Hausgeflügelbeständen erhöhen die Viruslast in der Umwelt – und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Erreger auf Wildtiere überspringt. Hinzu kommen veränderte Lebensräume und verschobene Zugrouten, die die Kontaktzonen zwischen Arten neu ordnen.

Bis vor Kurzem waren die Antarktis und die umliegenden subantarktischen Inseln von dieser Entwicklung weitgehend verschont geblieben. Das änderte sich im September 2023, als auf Südgeorgien infizierte Braune Skuas nachgewiesen wurden. Vermutlich hatten diese Seevögel das Virus von Ausbrüchen in Südamerika aus weiter nach Süden getragen. Innerhalb weniger Monate sprang der Erreger offenbar von Vögeln auf Meeressäuger über – darunter auch auf die Südlichen See-Elefanten.

Elephant seal, NHM, ViennaSee-Elefant im Größenvergleich zum Autor (175cm). Bild aus dem Wiener Naturkunde Museum
Elephant seal, NHM, Vienna© iGlobenews, Bild von L. Barcherini Peter

Einmal angekommen, traf das Virus auf nahezu ideale Bedingungen für seine Weitergabe. See-Elefanten pflanzen sich in extrem dichten Kolonien fort, in denen Tausende Tiere eng an eng liegen. Neugeborene Jungtiere, immunologisch noch unerfahren und körperlich besonders verletzlich, sind dabei am stärksten gefährdet. Auf der argentinischen Halbinsel Valdés tötete dasselbe Virus in einigen Kolonien bis zu 97 Prozent der See-Elefanten-Jungen. Auf Südgeorgien sind Todesfälle unter erwachsenen Tieren schwerer zu erfassen, weil viele von ihnen auf See sterben. Doch der plötzliche Einbruch bei den zur Fortpflanzung an Land kommenden Tieren deutet mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine erhebliche Sterblichkeit auch unter ausgewachsenen See-Elefanten hin.

Besonders gefährlich macht diesen Ausbruch das Verhalten des Virus in Säugetieren. Anders als ältere Stämme der Vogelgrippe, die vor allem die Atemwege befielen, dringt Klade 2.3.4.4b häufig bis ins Gehirn vor. Bei Robben verursachen Infektionen oft schwere Hirnentzündungen, die zu Krampfanfällen, Orientierungslosigkeit und einem raschen Tod führen. Virales Material wurde zudem im Herzgewebe und in anderen Organen nachgewiesen – ein Hinweis auf weitreichende Schäden im gesamten Körper. In Viren, die aus Meeressäugern isoliert wurden, fanden Forschende außerdem genetische Mutationen, die mit einer verbesserten Vermehrung in Säugetierzellen in Verbindung stehen. Das deutet darauf hin, dass sich der Erreger weiter an neue Wirte anpasst.

Um das Ausmaß des Zusammenbruchs zu erfassen, setzten die Forschenden Drohnen ein, die mit hochauflösenden Kameras ausgestattet waren. Damit untersuchten sie in den Jahren 2022 und 2024 die drei größten Fortpflanzungsstrände Südgeorgiens. Die Aufnahmen ermöglichten es, einzelne erwachsene Weibchen mit hoher Genauigkeit zu zählen. Unter normalen Bedingungen schwanken die Zahlen der zur Fortpflanzung an Land kommenden Tiere von Jahr zu Jahr nur selten um mehr als zehn Prozent. Ein Rückgang um nahezu die Hälfte der Population innerhalb von zwei Jahren liegt weit außerhalb jeder natürlichen Schwankung – und verweist auf einen außergewöhnlichen äußeren Schock.

Zwar ist das Virus die unmittelbare Ursache des Zusammenbruchs, doch Umweltstress könnte seine Wirkung zusätzlich verstärken. Die Studie betont, dass die See-Elefanten auf stabile Meereisbedingungen und produktive Nahrungsgebiete angewiesen sind, um nach der Fortpflanzungszeit ihre Energiereserven wieder aufzubauen. Langzeituntersuchungen aus anderen Regionen weisen auf einen klaren Zusammenhang zwischen Veränderungen des Meereises und rückläufigen Bestandszahlen bei See-Elefanten hin. Im Winter 2023/2024 kam es im Südatlantik zu ungewöhnlichen Meereis-Anomalien. Für sich allein können sie den Einbruch nicht erklären. Doch sie könnten die Fähigkeit der Tiere geschwächt haben, sich von Infektionen und dem körperlichen Stress der Fortpflanzung zu erholen.

Die Folgen reichen weit über die See-Elefanten selbst hinaus. Südliche See-Elefanten gehören zu den wichtigsten Räubern des Südlichen Ozeans. Sie fressen enorme Mengen an Fisch und Tintenfisch und tragen damit dazu bei, marine Nahrungsnetze im Gleichgewicht zu halten. Zugleich gelten sie als ökologische Frühwarnsysteme. Weil sie riesige Meeresregionen durchstreifen und empfindlich auf Umweltveränderungen reagieren, spiegeln Veränderungen ihrer Gesundheit oft eine Instabilität wider, die das gesamte Ökosystem betrifft.

Eine Erholung, sollte sie überhaupt einsetzen, dürfte nur langsam verlaufen. Weibliche See-Elefanten sind langlebig, ihre Bestände beruhen normalerweise auf einer geringen Sterblichkeit erwachsener Tiere. Gerade deshalb reagieren Populationen besonders empfindlich auf plötzliche Verluste. Demografische Modelle legen nahe, dass eine Erholung Jahrzehnte dauern könnte. In schweren Szenarien würden die Bestände womöglich nicht vor Ende des Jahrhunderts wieder das Niveau erreichen, das sie vor dem Ausbruch hatten.

Direkte Eingriffe sind praktisch ausgeschlossen. Wildlebende See-Elefanten zu impfen oder infizierte Tiere entlang Tausender Kilometer abgelegener Küstenlinie zu behandeln, ist nicht realistisch. Stattdessen konzentrieren sich Forschende auf Überwachung und Früherkennung. Drohnenflüge, Satellitenbilder und internationale Meldesysteme für Tierseuchen werden ausgebaut, um Bestandsentwicklungen und die Ausbreitung des Virus besser verfolgen zu können. Erst weitere Erhebungen werden zeigen, ob die fehlenden Weibchen zurückkehren – oder ob ihr Verschwinden für dauerhafte Verluste steht.

Was sich an diesen abgelegenen Stränden abspielt, ist mehr als eine lokale Wildtierkatastrophe. Es markiert das Eindringen eines globalen Krankheitsgeschehens in eines der letzten vergleichsweise isolierten Ökosysteme der Erde. Die Ausbreitung des Virus in die Antarktisregion zeigt, wie neu auftretende Erreger, die Folgen industrieller Fleischproduktion und vom Menschen veränderte Ökosysteme inzwischen selbst an den entlegensten Orten des Planeten ineinandergreifen. Vorerst stehen die leeren Strände Südgeorgiens als stiller Beleg dafür, wie schnell ökologische Stabilität ins Wanken geraten kann. Ob sich die weltweit größte Population Südlicher See-Elefanten von diesem Schock erholen wird, bleibt ungewiss.

Bild: See-Elefanten und die MS Hondius in Gold Harbour, Südgeorgien. Mehrere Südliche See-Elefanten liegen dicht beieinander auf einem sandigen Küstenstreifen; einige heben die Köpfe und rufen. Vor der Küste liegt unter bewölktem Himmel ein Forschungs- beziehungsweise Expeditionsschiff auf ruhiger See, 8. Dezember 2021. © IMAGO / Zoonar
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