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Der Missbrauchs- und Korruptionsskandal bei SOS-Kinderdorf wurde Anfang Mai 2021 aufgedeckt. Die Organisation tut ihr Bestes, um Informationen über die interne „unabhängige“ Untersuchung unter der Leitung von Waltraud Klasnic zurückzuhalten. Die Zukunft von SOS-Kinderdorf wird davon abhängen, wie sie mit diesem Skandal umgehen.

Diana Mautner Markhof, 21. Juni 2021

SOS-Kinderdorf ist DIE österreichische Vorzeige-Wohltätigkeitsorganisation. Nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1949 von dem Humanisten Herman Gmeiner gegründet, hat sich SOS-Kinderdorf zum Ziel gesetzt, Waisen und verlassenen Kindern ein Zuhause zu geben. Die Organisation hatte ihre Anfänge in Imst, im österreichischen Bundesland Tirol. Im Jahr 1959 wurde das erste SOS-Kinderdorf-Heim in Deutschland eröffnet, finanziert von der Industriellen Béatrice von Boch-Galhau. Der Rest ist Geschichte. Heute ist SOS-Kinderdorf in 137 Ländern mit 3000 SOS-Kinderdorf-Heimen/Dörfern vertreten.

Das Spendenaufkommen für SOS-Kinderdorf ist hoch und die österreichische Hilfsorganisation ist weltweit für ihre guten Taten bekannt. Laut Jahresabschluss 2019 erhielt SOS-Kinderdorf in Österreich 38 Millionen Euro an Spenden von Privatpersonen und weitere 89 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln für die Betreuung bedürftiger Kinder. Zudem erhielt SOS-Kinderdorf in einer Umfrage des Magazins Der Spiegel im November 2018 hohe Transparenzwerte. Laut Spiegel entfallen von 100 Euro, die an SOS-Kinderdorf gespendet werden, 88 Euro auf gemeinnützige Projekte und 12 Euro auf Verwaltungskosten. Eine weitere Untersuchung der Rechercheplattform addendum.org aus dem Jahr 2017 ergab, dass SOS-Kinderdorf ein Überflieger ist, wenn es um die Kosten für das Fundraising geht, die fast 17 % der gesamten Spendengelder ausmachen. Hochglanzbilder von Prominenten, Sportstars und Politikern bei verschiedenen SOS-Kinderdorf-Benefizveranstaltungen zeugen davon. Aber wie ein altes Sprichwort sagt: Wenn etwas zu gut aussieht, um wahr zu sein, dann ist es wahrscheinlich zu gut, um wahr zu sein.

Im Jahr 2014 veröffentlichte der österreichische Historiker Horst Schreiber das vielbeachtete Buch „Dem Schweigen verpflichtet: Erfahrungen mit SOS-Kinderdorf“ über seine Recherchen zur weltweiten SOS-Kinderdorf-Organisation und ihren systemischen Mängeln. Er schrieb über die Gewalt, den Missbrauch und die Übergriffe, die Kinder und Jugendliche in SOS-Kinderdorf-Heimen“ erleben. Schreiber analysierte strukturelle Momente in der Geschichte der Organisation, die Unterdrückung und Gewalt ermöglichten. Das mit der Gründung der Organisation eingeführte Betreuungskonzept, so seine kritische Studie, stellte eine familiäre Situation mit der traditionellen Geschlechterhierarchie wieder her. Der Heimleiter repräsentierte die väterliche Ordnungs- und Sanktionsmacht, die Kinderdorfmütter eine heilende Kraft für das verlassene Kind. Scheiber kam zu dem Schluss, dass zahlreiche Kinder ein zweites Mal einen „Fall aus dem Nest“ erleben mussten. Um seinen Ruf zu schützen, war SOS-Kinderdorf lange Zeit um Verschwiegenheit bemüht, wenn es um sexualisierte Gewalt gegen die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen ging. Viele Anzeichen von Missbrauch wurden von der Organisation systematisch ignoriert.

Anfang Mai 2021 wurde ein massiver internationaler Skandal in vielen SOS-Kinderdorf-Häusern bekannt. In den vergangenen 30 Jahren hatten Mitarbeiter an verschiedenen SOS-Kinderdorf-Standorten in aller Welt Gelder veruntreut und werden nun von der Organisation wegen Korruption angeklagt. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, wurde bekannt, dass Kinder in 50 SOS-Kinderdorf-Heimen in 20 Ländern der Welt Opfer von sexuellem Missbrauch und/oder Gewalt geworden sind. Diese Missbräuche und Misswirtschaft wurden schließlich durch die Mainstream-Medien (MSM) bekannt, obwohl die Organisation alles daran setzte, diesen Skandal zu unterdrücken. Die Geheimhaltung, die diesen Skandal begleitete, wird weiterhin aufrechterhalten. SOS-Kinderdorf hat keine weiteren Informationen über die betroffenen Heime/Dörfer, die genaue Anzahl der missbrauchten Kinder oder die Höhe der veruntreuten Gelder bekannt gegeben. Das Buch von Horst Schreiber war leider prophetisch.

In dem Bemühen, die Geschichte zu vertuschen, setzte SOS-Kinderdorf einen „unabhängigen“ Untersuchungsausschuss unter der Leitung von Waltraud Klasnic, einer bekannten österreichischen Politikerin im Ruhestand und ehemaligen Landeshauptfrau der Steiermark, ein.  Es wurde nicht bekannt gegeben, ob die Missbrauchsopfer bei dieser Untersuchung vertreten sind oder ein Mitspracherecht haben. Auch wird die Öffentlichkeit nicht über den Fortgang der Ermittlungen informiert. In einem Interview mit dem Österreichischen Rundfunk (ORF) erklärte Frau Klasnic, dass sie derzeit in 22 Fällen ermittelt. Ihr Ziel ist es, jeden einzelnen Fall zu untersuchen. Die Idee, den Opfern eine Entschädigung zu zahlen, wurde ins Spiel gebracht. Zyniker könnten SOS-Kinderdorf vorwerfen, die Opfer sexueller Gewalt durch diese Zahlungen zum Schweigen bringen zu wollen.

Obwohl dieser Skandal schockierend ist, hat der ORF kaum darüber berichtet, als er Anfang Mai 2021 bekannt wurde. Der ORF ist ein staatliches Medienunternehmen, das von fast allen Österreichern öffentlich subventioniert wird. Er betreibt vier nationale Fernsehsender und zwölf Radiokanäle sowie zahlreiche Online-Seiten. In den Tagen, als der SOS-Kinderdorf-Skandal aufflog, waren andere Themen – wie die Chat-Protokolle von Bundeskanzler Sebastian Kurz und die SMS-Nachrichten zwischen dem österreichischen Finanzminister Gernot Blümel und dem ehemaligen Novomatic-Chef Harald Neumann – für den ORF von weitaus größerem Interesse als die SOS-Kinderdorf-Enthüllungen, die in den Abendnachrichten lediglich als einer der letzten Tagesordnungspunkte kurz erwähnt wurden.

Wo ist die österreichische Justiz in diesem Fall, werden sich viele fragen? Die Antwort lautet: Wahrscheinlich zu sehr damit beschäftigt, gegen Politiker und ihre privaten oder halbprivaten Chats und SMS-Nachrichten zu ermitteln. Eine Untersuchung des Missbrauchs von SOS-Kinderdorf und der Veruntreuung von Geldern, die nach dem österreichischen Strafgesetzbuch als schwere Straftaten geahndet werden, sollte eingeleitet werden. Die Staatsanwaltschaft sollte nicht nur gegen die Organisation ermitteln, sondern auch gegen die Leitung der Organisation, die das Wissen um diese Missbräuche unter den Teppich gekehrt hat. Kann sich eine Organisation glaubhaft von der strafrechtlichen Verantwortung freisprechen, indem sie ein „unabhängiges“ Komitee einsetzt, das von der Organisation selbst finanziert wird?

Der ORF hat eine öffentliche Verantwortung, den SOS-Kinderdorf-Skandal zur Chefsache zu machen. Die Zukunft der Organisation wird davon abhängen, wie sie mit diesem Skandal umgeht, oder wird sie weiterhin zur Verschwiegenheit verpflichtet sein?

Bild: Eingang zum SOS-Kinderdorf in Hinterbrühl bei Wien, Österreich . © IMAGO / SKATA
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