Europa verliert seine industrielle Führungsrolle. Das G20 Treffen der Finanzminister in North Carolina hat die transatlantische Division verdeutlicht. Während die USA und China mit Kapital, günstiger Energie und einer aktiven Industriepolitik um Unternehmen werben, begegnet Europa seiner schwindenden Wettbewerbsfähigkeit häufig mit mehr Regulierung. Deutschland und Österreich stehen exemplarisch für diesen schleichenden Strukturwandel. Der Draghi-Report bietet Lösungen zu Europas fortschreitende Deindustrialisierung. Die entscheidende Frage ist, hat Europa den politischen Willen zur Umsetzung?

Europa war einmal der Kontinent, der die Welt belieferte. Heute ist es zunehmend der Kontinent, der Berichte schreibt. Während in Shenzhen Batteriefabriken entstehen und in Texas Milliarden in Halbleiterwerke fließen, diskutieren Brüssel über weitere Berichtspflichten, Nachhaltigkeitsstandards und Genehmigungsverfahren. Man könnte fast glauben, Europas wichtigster Exportartikel sei inzwischen Regulierung.

Diese transatlantische Kluft wurde beim G20-Finanzministertreffen in Asheville, North Carolina (31. August bis 1. September 2026) verdeutlicht. Elon Musk brachte es auf den Punkt. Er kritisierte die restriktive Politik Europas die gegen Innovation sei. Unternehmer, so Musk, sollten „relativ frei von Regulierung“ seien, was bedeute, dass Neues standardmäßig legal und nicht standardmäßig illegal sein müsse.

Alle Teilnehmer (außer China) bestätigten, die „erhebliche(n) gemeinsame(n) Hindernisse für ein robustes Wirtschaftswachstum…. darunter regulatorische und administrative Belastungen, ineffiziente Steuersysteme, unzureichende Investitionen, hohe Kapitalkosten sowie (den) Rückstand bei Arbeitskräfteangebot, Qualifikationen und Mobilität.“

Für Europas Politikelite scheinen das nur leere Worte zu sein. Unter ihrer Führung schreitet die Deindustrialisierung Europas stetig voran. Sie kam auch nicht mit einem Paukenschlag. Sie kommt leise. Fabriken verschwinden nicht über Nacht. Viel häufiger werden sie schlicht nicht mehr gebaut. Investitionsentscheidungen fallen gegen Europa, lange bevor Arbeitsplätze verloren gehen. Produktionslinien werden nach Nordamerika oder Asien verlagert, weil dort Energie günstiger, Kapital leichter verfügbar und politische Entscheidungen schneller im Sinne der Industrie getroffen werden. Erst Jahre später wird aus einer unterlassenen Investition eine Werksschließung und aus einer statistischen Randnotiz eine nationale Debatte.

Deutschland und Österreich erleben diesen Prozess mit bemerkenswerter Gelassenheit. Man spricht gerne von Transformation, Resilienz und nachhaltigem Wachstum. Weitaus seltener wird anerkannt, dass industrielle Wettbewerbsfähigkeit nicht garantiert ist. Sie muss kontinuierlich gesichert und erneuert werden.

Über Jahrzehnte funktionierte das europäische Erfolgsmodell erstaunlich gut. Deutschland entwickelte sich zur industriellen Lokomotive Europas, Länder wie Österreich zum hochproduktiven Maschinenraum der deutschen Wertschöpfungsketten. Günstige Energie, offene Weltmärkte und technologische Spitzenleistungen ermöglichten einen Wohlstand, den viele längst für selbstverständlich hielten.

Heute bröckeln sämtliche Voraussetzungen gleichzeitig.

Die Energiepreise gehören weiterhin zu den höchsten der industrialisierten Welt. Während amerikanische Unternehmen von billigem Erdgas profitieren und China seine Industrie mit enormem finanziellem Aufwand unterstützt, erklärt Europa seinen Unternehmen vor allem, warum höhere Kosten langfristig eigentlich ein Wettbewerbsvorteil seien. Das überzeugt allerdings weder Investoren noch Produktionsleiter.

Ebenso wenig hilft der Hinweis, Europa sei Vorreiter beim Klimaschutz. Moralische Führungsrollen lassen sich schlecht exportieren, Industrieanlagen dagegen erstaunlich leicht.

Auch der globale Wettbewerb hat sich grundlegend verändert. China ist längst nicht mehr die billige Werkbank des Westens. Das Land ist heute technologischer Konkurrent und in zahlreichen Zukunftsbranchen wie Batterien, Solarmodule oder Elektromobilität bereits Marktführer. Während Europa noch darüber diskutiert, wie eine Industriepolitik aussehen könnte, setzt Peking sie bereits seit Jahren konsequent um.

Hinzu kommt ein Problem, das sich Europa vollständig selbst geschaffen hat. Die Überzeugung, nahezu jede wirtschaftliche Herausforderung mit zusätzlicher Regulierung lösen zu können.

Natürlich sind Umwelt-, Verbraucher- und Datenschutzstandards sinnvoll. Doch jedes neue Gesetz hat Kosten. Und während Washington Unternehmen Milliarden an Investitionsanreizen anbietet und Peking strategische Industrien systematisch fördert, verlangt Europa häufig zunächst Formulare, Nachweise und Dokumentationen.

Die Last dieser Regulierung trifft vor allem den Mittelstand. Großunternehmen können zusätzliche Vorschriften auf spezialisierte Compliance- und Rechtsabteilungen verteilen. Familienunternehmen hingegen müssen dieselben Anforderungen häufig mit denselben Mitarbeitern erfüllen, die eigentlich Innovationen entwickeln, Kunden betreuen oder neue Märkte erschließen sollten. Regulierung bindet dort Ressourcen, wo sie für Wachstum am dringendsten benötigt würden.

Wie sich diese strukturellen Wettbewerbsnachteile in der Praxis auswirken, zeigt kaum eine Branche deutlicher als die deutsche Automobilindustrie. Einst Synonym für Ingenieurskunst und industrielle Exzellenz, muss sich die Branche heute gleichzeitig der Elektrifizierung und dem autonomen Fahren stellen, zwei Entwicklungen, die etablierte Geschäftsmodelle grundlegend verändern. Gleichzeitig drängen chinesische Hersteller mit technologisch ausgereiften und preislich wettbewerbsfähigen Fahrzeugen zunehmend auf die europäischen Kernmärkte.

Volkswagen illustriert diese Entwicklung eindrucksvoll. Noch vor wenigen Jahren galt der Konzern als Inbegriff deutscher Industriekompetenz. Heute dominieren Sparprogramme, Standortdiskussionen und Stellenabbau die Schlagzeilen. Die geplante Reduktion von zunächst rund 35.000 Arbeitsplätzen entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zu deutlich weitreichenderen Restrukturierungen. Mehrere Werke stehen zur Disposition. Was einst als kurzfristige Konsolidierung verkauft wurde, wirkt zunehmend wie eine fundamentale Neuordnung der deutschen Industrie.

Bemerkenswert ist dabei weniger die Krise selbst als die politische Reaktion darauf. Während Unternehmen über Wettbewerbsfähigkeit sprechen, diskutiert die Politik bevorzugt über Verteilungsfragen. Man streitet darüber, wer die Kosten tragen soll, statt darüber, warum sie überhaupt entstanden sind.

Finanzminister Lars Klingbeil hat nach dem G20-Treffen in Asheville (North Carolina) das BMW-Werk in Spartanburg im benachbarten South Carolina besucht. Anstatt in Deutschland zu investieren, steht mittlerweile in Spartenburg das weltweit größte Werk der BMW Gruppe mit über 11.000 Beschäftigten.

Österreich verfolgt einen ähnlich vertrauten Reflex. Die Republik profitiert seit Jahrzehnten vom industriellen Erfolg Deutschlands. Entsprechend unmittelbar treffen deutsche Produktionsrückgänge österreichische Zulieferbetriebe. Dennoch dominiert auch hier häufig kurzfristiges Krisenmanagement statt langfristiger Standortpolitik.

Kaum ein europäisches Land verteilt staatliche Hilfen so großzügig wie Österreich. Förderprogramme entstehen schneller als Strukturreformen. Budgetdefizite wachsen zuverlässiger als die Produktivität. Konsolidiert wird bevorzugt über neue Einnahmen, deutlich seltener über geringere Ausgaben. Das Ergebnis überrascht wenig: steigende Staatsverschuldung bei gleichzeitig sinkender Wettbewerbsfähigkeit.

Man könnte es als wirtschaftspolitische Variante des berühmten österreichischen Improvisationstalents bezeichnen. Funktioniert etwas nicht, wird zunächst Geld darauf geworfen. Erst deutlich später stellt sich die Frage, warum es überhaupt nicht funktioniert hat.

Dabei liegt die eigentliche Schwäche Europas tiefer.

Die Produktivität wächst seit Jahren langsamer als in den Vereinigten Staaten. Europas Unternehmen investieren weniger in Zukunftstechnologien, der Kapitalmarkt bleibt fragmentiert und vielversprechende Start-ups verlassen den Kontinent häufig genau in dem Moment, in dem sie zu globalen Unternehmen werden könnten.

Europa verfügt über exzellente Universitäten, hervorragende Forscher und innovative Gründer. Was fehlt, ist weniger Kreativität als Skalierung. Der Kontinent produziert Ideen – Amerika produziert Weltmarktführer.

Der vielleicht größte Wettbewerbsnachteil bleibt jedoch politischer Natur.

Die Europäische Union besitzt einen Binnenmarkt für Waren, aber noch immer keinen wirklich integrierten Binnenmarkt für Kapital. Sie verfügt über eine gemeinsame Währung, aber keine gemeinsame Industriepolitik. Sie formuliert ambitionierte Strategien, scheitert jedoch regelmäßig an ihrer Umsetzung.

Mario Draghi hat diese Diagnose in seinem 2024 Bericht ungewöhnlich klar formuliert. Europas Problem sei nicht mangelnde Innovationskraft, sondern mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. Forschung werde finanziert, Unternehmen gegründet, Patente angemeldet, doch zu selten entstünden daraus globale Konzerne.

Seine Lösung fällt entsprechend radikal aus.

Europa müsse jährlich mehrere hundert Milliarden Euro zusätzlich investieren. Nicht in kurzfristige Konjunkturprogramme, sondern in Energieinfrastruktur, Halbleiter, künstliche Intelligenz, Quantentechnologien und Verteidigung. Der Kapitalmarkt müsse endlich vereinheitlicht werden, damit Unternehmen leichter Eigenkapital aufnehmen können. Genehmigungsverfahren müssten drastisch verkürzt, Berichtspflichten reduziert und der Binnenmarkt konsequent vollendet werden. Vor allem aber brauche Europa eine echte gemeinsame Industriepolitik, die strategische Technologien ebenso entschlossen fördert, wie es China und die Vereinigten Staaten längst tun.

Selten waren sich Europas Experten über die wirtschaftliche Diagnose so einig. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht in ihrer Radikalität, sondern darin, dass sie umgesetzt werden müssten. Denn Draghis Vorschläge verlangen genau das, woran Europa seit Jahrzehnten scheitert: weniger nationale Eitelkeiten, mehr gemeinsame Finanzierung und den Mut, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit wieder zum politischen Leitmotiv zu machen. Stattdessen verteidigen Mitgliedstaaten ihre Einzelinteressen mit bewundernswerter Konsequenz, selbst wenn dadurch der gesamte Wirtschaftsstandort an Attraktivität verliert.

Deutschland und Österreich stehen dabei exemplarisch für ein größeres europäisches Problem. Beide Länder leben noch immer vom industriellen Kapital vergangener Jahrzehnte und verwechseln häufig bestehende Stärke mit zukünftiger Wettbewerbsfähigkeit. Europas größte Gefahr besteht deshalb nicht darin, dass der Kontinent seine Probleme nicht kennt. Sie besteht darin, dass er sie analysiert, kommentiert und reguliert, während andere Volkswirtschaften sie längst gelöst haben.

Klingbeil konnte seine Rückreise nach dem G20 Treffen nicht antreten, weil das deutsche Regierungsflugzeug kaputt war. Der defekte Staatsflieger könnte Sinnbild der deutschen Wirtschaft sein. Wenn Deutschland gestrandet ist, dann auch Europa.

Bild: Treffen der G20-Finanzminister und Zentralbankpräsidenten in Asheville, North Carolina Asheville, USA – 1. September: Führende Persönlichkeiten der internationalen Finanzwelt nehmen am 1. September 2026 am zweiten Tag des G20-Gipfels der Finanzminister und Zentralbankpräsidenten im Omni Grove Park Inn in Asheville, North Carolina, USA, teil. US-Finanzminister Scott Bessent ist Gastgeber eines zweitägigen Treffens der führenden Finanzpolitiker der Gruppe der 20. © IMAGO / Anadolu Agency
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