Das Leben und Werk der Österreicherin Bertha von Suttner, eine Pionierin der Friedensbewegung und die erste Frau, die 1905 den Friedensnobelpreis erhielt, inspirierte auch heute noch viele Intellektuelle der Neuzeit. Auch nach 120 Jahren sind ihre Verdienste um die Frauenrechte und ihr Friedensengagement herausragend. Zu Lebzeiten oft wegen ihres unkonventionellen Lebensstils verspottet und als „Friedens-Bertha“ bezeichnet, gilt sie heute als eine der treibenden Kräfte hinter Alfred Nobels Friedenspreis.

Als Bertha von Suttner am 9. Juni 1843 in Prag als Bertha Sophia Felicita, Gräfin von Kinsky von Wchinitz und Tettau, zur Welt kam, war ihr Schicksal, wie das der meisten Töchter der gehobenen Gesellschaft, durch ihren sozialen Status vorbestimmt. Von ihr wurde erwartet, dass sie eine standesgemäße Ehe einging, Kinder bekam, diese zu guten Katholiken erziehte und Teil des gesellschaftlichen Gefüges der Oberschicht des Österreichisch-Ungarischen Reiches wurde.

Eine militärische Laufbahn war unter männlichen Adligen ein beliebter Weg, und viele junge Grafen und Barone erreichten den angesehenen Offiziersrang. Eine vorbildliche militärische Ausbildung für junge Männer war gesellschaftlich akzeptiert. Entsprechend seinem Stand war Suttners Vater, Franz Josef Graf von Kinsky, ein hochrangiger Offizier in der kaiserlichen Armee des Österreichisch-Ungarischen Reiches.

Zu Lebzeiten beklagte sie oft die unzureichende Bildung für Mädchen, die sie als minderwertig betrachtete. Doch für ihre Zeit ermöglichte ihr ihr privilegierter Hintergrund eine Ausbildung, die so gut war, wie sie für eine Frau nur sein konnte – sie sprach mehrere Fremdsprachen wie Englisch, Französisch und Italienisch, und sie erhielt Musikunterricht.

Trotz ihrer privilegierten Herkunft war Suttners Jugend von Entbehrungen geprägt. Ihr Vater starb noch vor ihrer Geburt, und ihre Mutter, die spielsüchtig war, verprasste nach dem Tod ihres Mannes dessen gesamtes Vermögen. Diese finanziellen Sorgen begleiteten Suttner ihr ganzes Leben lang. Obwohl sie später eine berühmte Aktivistin und Autorin werden sollte, erhielt sie weder von ihrer Großfamilie noch von der Familie ihres zukünftigen Mannes finanzielle Unterstützung.

Da sie mit 30 Jahren noch unverheiratet war – was damals als alt galt –, nahm sie eine Stelle als Gouvernante bei dem Wiener Industriellen Karl Freiherr von Suttner an, wo sie sich prompt in den sieben Jahre jüngeren Sohn der Familie, Arthur von Suttner, verliebte. Das Paar hielt seine Beziehung zunächst geheim, doch als seine Familie davon erfuhr, wurde Bertha entlassen – man hielt sie für zu alt für den jungen Mann.

Da eine Rückkehr zu ihrer Mutter für die junge, unabhängige Bertha nicht in Frage kam, antwortete sie auf eine Anzeige des Dynamiterfinders Alfred Nobel in einer Lokalzeitung. Sie wurde seine Sekretärin und zog zu ihm nach Paris. Nach Angaben von Mitgliedern der Familie Kinsky entwickelte Bertha im Laufe der Zeit eine enge Freundschaft zu Nobel. Sie korrespondierten per Briefverkehr über viele Themen, diskutierten seine Erfindungen und das Konzept des Friedens. Suttner gilt daher als eine wichtige Inspirationsquelle für Nobels Friedenspreis.

Arthur von Suttner schrieb unermüdlich Liebesbriefe nach Paris, und als Nobel vom schwedischen König in seine Heimat zurückgerufen wurde, kehrte Bertha nach Wien zurück und heiratete Arthur gegen den Willen seiner Familie. Er wurde enterbt und lebte neun Jahre lang mit seiner Frau unter sehr bescheidenen Verhältnissen in der Gegend des heutigen Georgiens, dank einer Einladung von Prinzessin Ekaterine Dadlani von Mingrellen.

Aufgrund ihrer schwierigen finanziellen Lage begann Bertha, Sprachunterricht zu geben, Texte zu übersetzen und Unterhaltungsliteratur für adelige Damen zu verfassen. Später beschrieb sie ihre Zeit in Tiflis als glücklich.

Als 1877 der Russisch-Türkische Krieg ausbrach, begann das Ehepaar, für verschiedene österreichische Zeitungen über den Krieg zu berichten, wobei Bertha zunächst unter dem männlichen Pseudonym B. Oulut schrieb. Als sie 1885 nach Wien zurückkehrten, nahm die Familie Suttner sie wieder bei sich auf, da sich Bertha in literarischen Kreisen bereits einen guten Namen gemacht hatte – vor allem durch ihre Unterhaltungsromane für Frauen. Bertha war von Anfang an als Schriftstellerin erfolgreich gewesen.

Zurück in Wien widmete sich Suttner zunehmend dem politischen Journalismus und dem Pazifismus. Im Alter von 46 Jahren veröffentlichte sie den weltberühmten Roman „Die Waffen nieder“, der seitdem in 15 Sprachen erschienen ist und als eines der bedeutendsten literarischen Werke jener Zeit gilt. Sie veröffentlichte das Buch unter ihrem eigenen Namen.

Die Tatsache, dass eine Frau ein solches Werk verfasste, das die Grausamkeiten des Krieges so anschaulich schilderte, war damals ein großer Skandal. In aristokratischen Kreisen, einschließlich ihrer eigenen Familie, den Grafen von Kinsky, fanden weder sie noch ihr Buch Anklang oder Anerkennung. Selbst nachdem sie ihr Buch ihren Verwandten geschenkt hatte, verstaubte es meist in einem Regal der zahlreichen Schlosssalone. Ihre eigene Familie Kinsky hielt sie für zu freimütig, und zu sehr im Fokus der Öffentlichkeit. Die ideale Frau ihrer Zeit und ihres Standes sollte gesehen, aber nicht gehört werden – eine Begleiterin eines erfolgreichen Mannes. Bertha passte nicht in dieses Schema, und sie wollte es auch gar nicht.

Trotz des provokanten Themas ihres Buches und der anschaulichen Schilderung der Schrecken des Krieges wurde das Werk zu einem spontanen Erfolg. Nach der Veröffentlichung wurde Suttner zu einer festen Größe in internationalen Intellektuellenkreisen und wurde weltweit zu zahlreichen Lesungen und Vorträgen eingeladen. Sie wurde unter anderem die erste Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft der Friedensfreunde, Vizepräsidentin des Internationalen Friedensbüros in Rom und Mitbegründerin der Deutschen Friedensgesellschaft im Jahr 1892. Darüber hinaus setzte sie sich gegen Tierversuche, für Frauenrechte und für weltweite Abrüstung ein.

Der Höhepunkt ihrer Karriere als Friedensaktivistin war, dass sie 1905 als erste Frau den Friedensnobelpreis erhielt. Diese Ehre wurde ihr nach mehreren Jahren erfolgloser Nominierungen zuteil – in denen der Preis stets an Männer verliehen worden war. In ihrer Dankesrede sprach sie viele Konzepte an, die seitdem Realität geworden sind, wie beispielsweise internationale Schiedsgerichte oder der Internationale Gerichtshof. Sie war eine Frau mit einer Vision, die mit gutem Beispiel voranging.

Bertha von Suttner starb am 21. Juni 1914, vermutlich an Darmkrebs, während der Vorbereitungen für einen Weltfriedenskongress in Wien. Genau eine Woche nach ihrem Tod, am 28. Juni 1914, wurde Erzherzog Franz Ferdinand, der Thronfolger von Kaiser Franz Joseph, in Sarajevo erschossen. Dieses Ereignis löste den Ersten Weltkrieg aus, vor dem Suttner mehrfach gewarnt hatte.

Bertha von Suttner war eine Frau, die ihrer Zeit in vielerlei Hinsicht voraus war, und deren intellektuelles Vermächtnis bis heute weit über die Grenzen Österreichs hinaus nachhallt. Ihr Bild ziert die österreichische 2-Euro-Münze und den ehemaligen 1000-Schilling-Schein. Auch Deutschland gab 2005 zu Ehren dieser bemerkenswerten Frau eine spezielle 10-Euro-Silber-Sammlermünze heraus.

Foto: Bertha Sophia Felicita Freifrau von Suttner (1843–1914), Pazifistin, Schriftstellerin, 1. Januar 1911. Im Jahr 1905 wurde sie als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, E-Periodica, Die Schweiz: schweizerische illustrierte Zeitschrift, Band 18 (1914) © https://de.wikipedia.org/wiki/Bertha_von_Suttner#/media/Datei:Bertha_von_Suttner_(1843%E2%80%931914)_Pazifistin,_Schriftstellerin.jpg
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner