Auch wenn die von US-Präsident Donald Trump vermittelte Waffenruhe im Gazastreifen bislang weitgehend hält, erreicht die Vertreibung von Palästinensern aus ihrer Heimat neue Dimensionen. Im Westjordanland sollen israelische Sicherheitskräfte im Jahr 2025 Tausende Zivilisten aus ihren Wohnorten gedrängt haben, während die Übergriffe radikaler Siedler ein historisches Hoch markieren. Für zusätzliche Unruhe sorgt die rätselhafte Landung eines Charterflugs in Südafrika, an Bord Palästinenser aus Gaza. Der Vorgang nährt den Verdacht, dass hinter den Kulissen an einer systematischen Entvölkerung des schwer zerstörten Küstenstreifens gearbeitet wird. Besonders beunruhigend ist dabei die Rolle privater, ausgelagerter Akteure mit Verbindungen nach Estland, die aus dem Ausland operieren. Ein undurchsichtiges Geflecht aus Vermittlern, Briefkastenfirmen und grenzüberschreitenden Koordinatoren zeichnet sich ab – als neues Instrument einer erzwungenen Migration.

Als Mitte November 2025 eine Maschine mit rund 153 palästinensischen Passagieren unerwartet auf dem Tambo International Airport in Südafrika landete, reagierten die örtlichen Behörden mit sichtbarer Überraschung. Niemand hatte sie im Vorfeld über die Ankunft informiert, keine offizielle Stelle wusste von den Landeplänen der Chartergesellschaft. Die Szene wirkte wie aus dem Nichts organisiert und warf sofort Fragen auf.

Die Passagiere mussten daraufhin zwölf Stunden im Flugzeug bleiben, weil erforderliche Dokumente fehlten. In ihren Pässen befand sich kein Ausreisestempel Israels, als sie das Gebiet verlassen hatten. Lokalen Medien zufolge wussten die Palästinenser an Bord nicht, wohin sie nach dem Verlassen des jüdischen Staates gebracht wurden. Die meisten von ihnen dürften nun in Südafrika Asyl beantragen.

Wie die Palästinenser an Bord des Flugzeugs gelangt waren, wurde zunächst nicht näher erläutert. Doch es gab Hinweise darauf, wie der Vorgang seinen Anfang genommen haben könnte, wie der Sender Al Jazeera berichtete.

Auf verschiedenen sozialen Plattformen kursiert dem Bericht zufolge ein Link zu einer Organisation namens Al-Majd Europe. Über ein Online-Formular geben Palästinenserinnen und Palästinenser dort ihren Namen an, ihren Arbeitsplatz und das gewünschte Zielland. Anschließend würden sie von einem Mitarbeiter der Organisation telefonisch kontaktiert. Ihnen werde mitgeteilt, sie sollten sich an einer Bushaltestelle in Gaza-Stadt einfinden. Von dort bringe ein Bus sie zum Grenzübergang Karem Abu Salem, in Israel Kerem Shalom genannt. Unabhängig überprüfen konnte Al Jazeera jedoch nicht, auf welchem Weg die Palästinenser schließlich an Bord des Flugzeugs gelangten.

Die israelische Zeitung Haaretz berichtete, die Gruppe Al-Majd Europe werde von einem israelisch-estnischen Doppelstaatsbürger namens Tomer Janar Lind geleitet. Seit dem vergangenen Jahr 2025 habe die Organisation für Palästinenser aus dem Gazastreifen Plätze auf Charterflügen in weit entfernte Länder wie Indonesien, Malaysia oder Südafrika organisiert. Für die Ausreise seien pro Person – auch für Kinder und Säuglinge – rund 2000 US-Dollar verlangt worden.

Obwohl die Website der Gruppe angibt, sie sei in Deutschland gegründet worden und unterhalte Büros in Ostjerusalem, ist sie tatsächlich in Estland registriert und operiert über eine nach außen auftretende Beratungsfirma.

Nach Informationen von Haaretz unterstellte das israelische Verteidigungsministerium die Aktivitäten der Organisation der Militärbehörde COGAT, dem „Coordinator of Government Activities in the Territories“, die die Ausreise von Palästinensern aus dem Gazastreifen koordiniert.

Ein Flug im Oktober 2025 wurde von einer rumänischen Chartergesellschaft durchgeführt. Die Maschine brachte 57 Palästinenser aus dem Gazastreifen zunächst nach Budapest in Ungarn und setzte ihren Flug anschließend nach Indonesien und Malaysia fort.

Lind hat seine Beteiligung an der Organisation der Flüge nicht bestritten, weitergehende Stellungnahmen jedoch abgelehnt.

Die palästinensische Botschaft in Südafrika verurteilte Al-Majd Europe als eine „nicht autorisierte und irreführende Gruppe“, die die dramatische humanitäre Lage der Menschen in Gaza ausgenutzt, Familien getäuscht, Geld von ihnen kassiert und ihre Ausreise auf irregulärem und unverantwortlichem Weg organisiert habe.

Der deutsche Nachrichtensender Deutsche Welle (DW) veröffentlichte Auszüge aus der Kommunikation mit einer Person, die dem Unternehmen zugerechnet wird. Diese erklärte unter der Bedingung der Anonymität, sie „helfe Menschen, im Gazastreifen am Leben zu bleiben. Es handelt sich nicht um erzwungene Migration.“

Der Vertreter von Al-Majd Europe nennt sich „Omar“, seine Telefonnummer war auf der Website angegeben. In einem WhatsApp-Austausch mit der Deutschen Welle erklärte Omar, er sei ein palästinensischer Mann mit Sitz in Jerusalem. Vorwürfe, sein Unternehmen stehe in Verbindung mit der israelischen Regierung, seien frei erfunden, betonte er. Diese Behauptungen würden von der Hamas und der Palästinensischen Autonomiebehörde verbreitet, die eine Ausreise von Palästinensern aus Gaza ablehnten.

Omar fügte hinzu, wer Palästinensern die Ausreise über einen israelischen Flughafen ermögliche, müsse zwangsläufig mit israelischen Stellen zusammenarbeiten, darunter auch mit COGAT. Er betonte, er wolle lediglich Menschen in Gaza unterstützen. Sein Ziel sei es, jenen zu helfen, „die leben wollen und nicht im Gazastreifen sterben“.

Die Deutsche Welle berichtete, Omar habe „schwierigere Fragen“ unbeantwortet gelassen – etwa zu seinem Verhältnis zu Lind, zu seinen Verbindungen zu internationalen und israelischen Unternehmen oder dazu, warum zahlreiche Links auf der Website von Al-Majd nicht funktionierten. Auch zur Finanzierung der Firma machte er keine näheren Angaben. Wie viele Palästinenser er bei der Ausreise aus Gaza unterstützt habe, könne er „nicht erinnern“, erklärte er.

Nur rund 33 Kilometer von Gaza entfernt erlebt das Westjordanland sein bislang gewaltsamstes Jahr, gemessen an Siedlerangriffen und erzwungenen Vertreibungen. Ein Bericht von Human Rights Watch (HRW) kommt zu dem Schluss, dass israelische Sicherheitskräfte im Jahr 2025 im Rahmen der „Operation Iron Wall“ etwa 32.000 Palästinenser aus Flüchtlingslagern im Westjordanland gewaltsam vertrieben hätten. Hunderte Häuser seien zerstört, eine Rückkehr der Bewohner blockiert und weder sichere Fluchtrouten noch ausreichende Unterkünfte oder humanitäre Hilfe bereitgestellt worden. Nach Einschätzung von HRW verstoßen diese Maßnahmen gegen internationales Recht und erfüllen den Tatbestand von Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit – darunter Zwangsumsiedlung und Verfolgung.

Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden allein im Jahr 2025 mehr als 1000 Übergriffe militanter Siedler im Westjordanland registriert. „Diese Siedler sahen den 7. Oktober nicht nur als Tragödie, sondern auch als große Gelegenheit, endlich freie Hand für Angriffe auf Palästinenser zu bekommen“, erklärte der israelische Journalist und Haaretz-Autor Gideon Levy. Israelische Soldaten stünden bei solchen Attacken häufig lediglich daneben und schützten die Zivilbevölkerung nicht vor den gewaltsamen Übergriffen.

Die UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese, warnte, Palästinenser stünden in sämtlichen Lebensbereichen unter Druck – auch dann, wenn sie ein Flugzeug bestiegen und anderswo neu anfingen. Ihre Entscheidungen träfen sie nicht frei, sondern unter Zwang, betonte sie.

Bei einer Pressekonferenz im November im Europäischen Parlament äußerte sich Albanese auch zu der Frage, ob die Überstellung von Palästinensern nach Südafrika auf einen israelischen Versuch hindeute, den Gazastreifen zu entvölkern. „Ich teile diese Sorge“, sagte sie. Sie verwies darauf, dass Israels rechtsextremer Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, wiederholt die Idee einer „freiwilligen Migration“ propagiert habe. Die jüngsten Ausreisen sind mir Konzept durchaus wiedererkennbar.

Albanese betonte, an der gegenwärtigen Lage sei nichts freiwillig. „Was Israel den Palästinensern aufzwingt, ist das Gegenteil von Freiwilligkeit“, sagte sie. Eine Pause der militärischen Operationen, die nicht mit der Durchsetzung internationalen Rechts einhergehe, berge das Risiko, dass Israel jene Ziele weiterverfolge, die es durch das, was sie als Genozid bezeichnete, nicht habe erreichen können – nämlich die Fortsetzung einer ethnischen Säuberung mit anderen Mitteln.

„Viele derjenigen, die nach Südafrika gereist sind, wussten nicht einmal, wohin sie gebracht wurden, und hatten nichts bei sich außer ihrem Pass. Das ist äußerst besorgniserregend“, resümierte sie.

Bild: Demonstration in Israel: Protestierende ziehen am 3. August 2025 mit Plakaten durch Tel Aviv. Die Kundgebung richtet sich gegen die Tötung des Palästinensers Awdah Hathaleen durch den israelischen Siedler Yinon Levi und fordert Solidarität mit palästinensischen Dörfern, die Angriffen ausgesetzt sind. © IMAGO / Middle East Images
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