Digitale Vermögenswerte stehen vor dem nächsten entscheidenden Kapitel ihrer Entwicklung. Nach Jahren regulatorischer Unsicherheit könnte der Digital Asset Market CLARITY Act erstmals klare und konsistente regulatorische Rahmenbedingungen für digitale Vermögenswerte schaffen. Der CLARITY Act adressiert zentrale Fragen der Marktstruktur, von der regulatorischen Abgrenzung zwischen digitalen Commodities und Wertpapieren bis hin zu verbindlichen Vorgaben zur Vermeidung von Marktmissbrauch. Damit könnte das Gesetz einen wichtigen Impuls für die institutionelle Marktteilnahme und die nachhaltige Integration von Kryptoassets in das bestehende Finanzsystem setzen.
Günther Kornfellner
26. Februar 2026
English version
Der US Digital Asset Market CLARITY Act wird die regulatorische Aufsicht über Blockchain basierte Vermögenswerte neu aufstellen. Blockchain-Anwendungen haben, so wie viele disruptive Technologien, zunächst vor allem die Aufmerksamkeit von Tech-Enthusiasten und Pionieren auf sich gezogen. Für eine nachhaltige Marktdurchdringung reicht diese begrenzte Akzeptanz jedoch nicht aus. Entscheidend ist es, die Lücke zwischen den Early Adopters und dem Massenmarkt zu schließen und den nächsten Schritt auf der Technologie-Adoptionskurve zu vollziehen. Wie empirische Analysen zum Themenfeld der Tokenisierung von Finanzprodukten zeigen, stellt regulatorische Klarheit einen der zentralen Erfolgsfaktoren für die nachhaltige Weiterentwicklung digitaler Vermögenswerte dar.
Mit der Verabschiedung des auf Stablecoins fokussierten GENIUS Act im Juli 2025 haben die US-Regulierungsbehörden einen wichtigen regulatorischen Fortschritt erzielt. Für eine weitergehende Entwicklung des Marktes digitaler Vermögenswerte erweist sich dieser Schritt jedoch als nicht ausreichend, da der Anwendungsbereich des Gesetzes primär auf Stablecoins beschränkt ist, die an einen stabilen Referenzwert wie den USD gekoppelt sind und vorwiegend als digitales Zahlungsmittel dienen, während zentrale Fragen der übergreifenden Marktstruktur unberücksichtigt bleiben.
Diese regulatorische Lücke soll durch die Verabschiedung des Digital Asset Market CLARITY Act geschlossen werden. Die Verabschiedung des CLARITY Acts verzögert sich jedoch. Die beiden Treffen im Weißen Haus Anfang Februar sollten den Stillstand überwinden. Berichten zufolge wurde bei keinem der beiden Treffen ein Kompromiss erzielt, da die Vertreter des Bankensektors bei der Sitzung am 10. Februar ein Dokument vorlegten, aus dem hervorgeht, dass sie weiterhin an einem Verbot von Zinszahlungen für Stablecoins festhalten und dass andere Arten von Vergütungen nur unter sehr begrenzten Umständen zulässig sein sollten.
Berater im Weißen Haus und im Kongress äußern sich weiterhin optimistisch über die Aussichten des CLARITY Act, und der Mehrheitsführer im Senat, John Thune (R-South Dakota), hat Berichten zufolge versprochen, im Frühjahr Zeit für eine Debatte über den Gesetzentwurf im gesamten Senat einzuplanen, sollte dieser den Ausschuss passieren.
Der Gesetzesentwurf zielt darauf ab, einen regulatorischen Rahmen zu schaffen, der insbesondere für traditionelle Finanzdienstleister von großer Bedeutung ist. Dieser Rahmen ermöglicht es ihnen, sich nicht nur vorsichtig über Pilotprojekte an den Kryptomarkt heranzutasten, sondern auch eine umfassende Integration von Kryptoassets in ihre Geschäftsmodelle zu realisieren.
Ziel des Digital Asset Market CLARITY Act ist die Schaffung einer eindeutigen regulatorischen Abgrenzung zwischen sogenannten digitalen Commodities, die künftig der Aufsicht der Commodity Futures Trading Commission (CFTC) unterliegen sollen, und digitalen Asset Securities, die als Wertpapiere klassifiziert werden und damit in den Zuständigkeitsbereich der Securities and Exchange Commission (SEC) fallen.
Ein wesentliches Kriterium zur Bestimmung der regulatorischen Zuständigkeit ist der sogenannte Reifegradtest, der als formales Zertifizierungsverfahren bei der SEC angesiedelt ist und den bisherigen Howey Test ergänzt. Der Howey-Test dient traditionell der rechtlichen Einordnung eines Vermögenswertes als Wertpapier und ist historisch auf traditionelle Finanzprodukte zugeschnitten.
Im Gegensatz dazu verfolgt der im CLARITY Act vorgesehene Reifegradtest einen auf Dezentralisierung basierenden Ansatz, der den technologischen Besonderheiten blockchainbasierter Systeme Rechnung trägt. Ein digitaler Vermögenswert wird als digitale Commodity eingestuft und der Aufsicht der CFTC unterstellt, wenn die zugrunde liegende Blockchain als „reif“ („mature“) klassifiziert wird.
Eine Blockchain gilt als reif, wenn sie einen hohen Dezentralisierungsgrad aufweist und keine einzelne Partei oder klar definierbare Gruppe eine dominante Kontrolle über das Netzwerk ausübt. Die Commodity Futures Trading Commission (CFTC) wurde mit der Bestellung von Michael Selig, der am 22. Dezember 2025 vereidigt wurde und als kryptoaffin gilt, neu ausgerichtet.
Wenn ein digitales Asset als noch nicht reif betrachtet wird, kann es als digitales Wertpapier eingestuft werden, das der Aufsicht der Securities and Exchange Commission (SEC) unterliegt. Seit dem Amtsantritt von Paul Atkins am 21. April 2025 wird die SEC als deutlich offener gegenüber der Kryptoindustrie wahrgenommen, insbesondere im Vergleich zu seinem Vorgänger Gary Gensler, der vielfach für eine konfrontative Regulierungspolitik kritisiert wurde, da er anstelle der Entwicklung klarer neuer Regelwerke primär auf Klagen gegen Krypto-Unternehmen setzte, um bestehende Wertpapiergesetze auf digitale Vermögenswerte anzuwenden.
Durch diesen Ansatz würde die regulatorische Einordnung digitaler Vermögenswerte erstmals an nachvollziehbare und objektive Kriterien wie den Grad der Dezentralisierung sowie die Governance Struktur eines Netzwerks geknüpft, anstatt an der Art wie Wertpapiere ausgegeben werden. Zugleich schafft der CLARITY Act einen klaren Mechanismus für das Zusammenspiel der beiden zentralen Aufsichtsbehörden, indem die SEC die formale Einstufung des Reifegrads vornimmt, während die CFTC für die laufende Marktaufsicht digitaler Vermögenswerte zuständig ist, sofern diese als digitale Commodities klassifiziert werden.
Der Digital Asset Market CLARITY Act würde erstmals einen verbindlichen regulatorischen Rahmen etablieren, der explizit auf den Schutz von Marktteilnehmern und insbesondere von Verbrauchern ausgerichtet ist. Eine zentrale Bestimmung betrifft die verpflichtende Trennung von Kundengeldern und Eigenmitteln von Kryptowährungsplattformen. Diese Vorgabe zielt darauf ab, Interessenkonflikte zu vermeiden und das Insolvenzrisiko für Kunden signifikant zu reduzieren. Die Relevanz dieser Maßnahme wurde durch den Zusammenbruch der Kryptobörse FTX in besonderer Weise verdeutlicht, in dessen Verlauf Kundengelder nicht ordnungsgemäß segregiert, zweckentfremdet und zur Finanzierung eigener Aktivitäten eingesetzt wurden.
Darüber hinaus sieht der CLARITY Act ein umfassendes Verbot marktmanipulativer Praktiken vor, darunter das künstliche Erhöhen von Handelsvolumina („Wash Trading“), das Platzieren irreführender Orders („Spoofing“), das Ausnutzen von Kundenorders für eigene Geschäfte („Front Running“), das gezielte Verbreiten von Falschinformationen zur künstlichen Preissteigerung eines Vermögenswertes mit anschließendem gewinnbringendem Abverkauf („Pump and Dump“) sowie Insiderhandel. Insgesamt adressiert der Gesetzesentwurf damit zentrale strukturelle Schwachstellen des Kryptomarktes, die bislang maßgeblich zur erhöhten Marktvolatilität und zu einem Verlust an Marktvertrauen beigetragen haben.
Die zuvor identifizierten strukturellen Defizite des Kryptomarktes traten im Oktober 2025 in einem der größten Liquidationsereignisse seiner bisherigen Geschichte zutage. Innerhalb von 24 Stunden wurden gehebelte Positionen im Umfang von über 19 Milliarden USD zwangsliquidiert, was zu einem Rückgang der gesamten Marktkapitalisierung des Kryptomarktes um rund 400 bis 500 Milliarden USD führte. Dieses Ereignis ging mit erheblichen Preisverwerfungen einher. So fiel der Kurs von Bitcoin um mehr als 14 Prozent, Ethereum verzeichnete einen Rückgang von rund 12 Prozent, während zahlreiche Altcoins Kursverluste zwischen 40 und 70 Prozent hinnehmen mussten. Das Ausmaß dieser Marktbewegungen verdeutlicht die weiterhin unterentwickelte Marktstruktur dieses noch jungen Marktes, insbesondere im Zusammenspiel von hoher Hebelwirkung, mangelnder Transparenz und fehlenden regulatorischen Schutzmechanismen.
Die endgültige Abstimmung über den Digital Asset Market CLARITY Act im US-Senat steht noch aus. Im Vergleich zur bereits in Kraft getretenen EU weiten Markets in Crypto Assets Regulation (MiCA), die ein einheitliches und umfassendes Regelwerk für alle 27 EU-Mitgliedstaaten vorsieht, wird der CLARITY Act von Experten als flexibler und stärker innovationsorientiert eingeschätzt. Marktanalysten gehen im Falle einer Verabschiedung davon aus, dass das Gesetz als signifikanter Katalysator für die weitere Entwicklung des Kryptomarktes wirken könnte. So argumentiert unter anderem der Krypto-Vermögensverwalter Bitwise, dass insbesondere die dadurch geschaffene regulatorische Klarheit einen positiven Einfluss auf institutionelle Marktteilnahme, Liquidität und langfristige Kapitalallokation haben dürfte.






