Vor der Küste Somalias flammt die Piraterie leise wieder auf, während bewaffnete Gruppen Sicherheitslücken in der Region austesten. Jüngste Angriffe, wirtschaftlicher Druck und maritime Schwachstellen vor Ort erhöhen erneut die Risiken für Küstengemeinden, den Welthandel und eine ohnehin stark belastete Region.

Die Piraterie im westlichen Indischen Ozean rückt erneut in den Fokus. Nach mehr als einem Jahrzehnt relativer Ruhe zeigen jüngste Vorfälle, über die internationale Beobachter und große Medien berichten, dass die somalischen Gewässer – einst zu den gefährlichsten der Welt – wieder instabiler werden. Neue Sicherheitshinweise für die Schifffahrt und wachsende Sorgen unter somalischen Fischergemeinden deuten auf ein leises, aber spürbares Wiederaufflammen hin. Das Ausmaß liegt weiterhin deutlich unter den Spitzenwerten der Jahre 2008 bis 2012, doch Reeder, Versicherer und Marineeinheiten haben das Thema wieder auf dem Radar.

Mehrere glaubwürdige Berichte bestätigen diesen Wandel. Im November berichtete Reuters, dass ein EU-Kriegsschiff die Besatzung des unter maltesischer Flagge fahrenden Tankers „Hellas Aphrodite“ sicherte, nachdem Piraten das Schiff vor der somalischen Küste beschossen hatten, während es von Indien nach Südafrika unterwegs war. Etwa zur gleichen Zeit meldete die Financial Times, dass Piraten ein Handelsschiff nahe Eyl, einer Küstenstadt in Puntland im Nordosten Somalias, geentert hätten – einem früheren Zentrum der Piraterie während des Höhepunkts zwischen 2008 und 2012. Es war der erste derartige Vorfall seit 18 Monaten. Auch das Internationale Maritime Bureau (IMB) verzeichnete jüngst versuchte Enterungen und bewaffnete Überfälle in somalischen Gewässern. Das Muster dieser Vorfälle legt nahe, dass Gruppen mit gewisser operativer Kapazität Sicherheitslücken in der maritimen Überwachung ausloten.

Diese neue Aktivität entfaltet sich in einer ohnehin angespannten Region. Aufgrund des Konflikts im Jemen haben sich die Prioritäten der Marineeinsätze im Roten Meer und im Golf von Aden verschoben, sodass internationale Kräfte ihre Aufmerksamkeit zwischen Anti-Piraterie-Missionen und der Überwachung von Raketen- und Drohbedrohungen aufteilen müssen. Dünnere oder weniger berechenbare Patrouillen schaffen Spielräume für opportunistische Akteure. Die enorme Ausdehnung des westlichen Indischen Ozeans erschwert eine lückenlose Überwachung selbst in stabilen Zeiten – aktuelle Einsätze verteilen sich nun auf mehrere neue Risikofelder.

Auch die innenpolitischen Herausforderungen Somalias verstärken diese Verwundbarkeit. Trotz politischer Fortschritte bleibt die Fähigkeit zur maritimen Kontrolle begrenzt. Puntland, historisch das Zentrum der somalischen Piraterie, leidet weiterhin unter einem Mangel an Küstenpatrouillen und maritimen Strafverfolgungsstrukturen. Die schwache staatliche Präsenz entlang einiger Küstenabschnitte ermöglicht es kleinen bewaffneten Gruppen und Schmugglern, sich relativ frei zu bewegen. Das führt nicht automatisch zu organisierter Piraterie, schafft jedoch Bedingungen, unter denen kriminelle Aktivitäten auf See wieder entstehen können.

Auch wirtschaftlicher Druck vor Ort verschärft die Lage. Vertreter der somalischen Fischerei warnen seit Jahren vor illegaler, nicht gemeldeter und unregulierter Fischerei (sogenanntes IUU fishing) durch ausländische Flotten, die Lebensgrundlagen untergräbt und Unsicherheit verstärkt. Interviews in regionalen Medien spiegeln diese Frustration wider. Küstengemeinden fühlen sich durch sinkende Fischbestände, ausländische Konkurrenz und mangelnden staatlichen Schutz unter Druck gesetzt. Illegale, nicht gemeldeter und unregulierter Fischerei (IUU fishing)ist zwar keine direkte Ursache für Piraterie, erhöht jedoch die wirtschaftliche Verwundbarkeit – und damit die Wahrscheinlichkeit, dass insbesondere junge Männer ohne Perspektiven in maritime Kriminalität abgleiten.

Jüngste Vorfälle deuten darauf hin, dass die aktiven Gruppen kleiner und weniger organisiert sind als vor einem Jahrzehnt. Aufzeichnungen des International Maritime Bureau (IMB) und Hinweise von EU NAVFOR zeigen, dass die meisten Angriffe von kleinen Skiffs ausgehen, die mit leichten Waffen versuchen, Schiffe zu entern. Mehrere Versuche wurden durch Ausweichmanöver oder das Eingreifen von Marineeinheiten vereitelt. Die Operationen wirken eher opportunistisch als die koordinierten Entführungen früherer Jahre, als Piraten mit Mutterschiffen weit in den Indischen Ozean vorstießen. Analysten warnen jedoch, dass anhaltende Aktivitäten auf niedrigem Niveau rasch eskalieren können, wenn sie unbeachtet bleiben.

Die Finanzierung hinter den jüngsten Angriffen ist weiterhin unklar. Auf dem Höhepunkt der somalischen Piraterie dokumentierten UN-Ermittlungen komplexe Netzwerke aus Lösegeldfinanzierern, Verhandlern und logistischen Unterstützern. Heute haben weder das IMB noch EU NAVFOR oder das UN-Expertengremium zu Somalia vergleichbare Strukturen öffentlich identifiziert. Die derzeitigen Hinweise sprechen vielmehr für kleine, lokal verankerte Gruppen mit begrenzten Fähigkeiten. Die weite Verbreitung von Kleinwaffen in Somalia senkt zwar die Einstiegshürden für solche Akteure, doch gibt es keine bestätigten öffentlichen Belege für Verbindungen zu größeren externen Geldgebern. Weitergehende Behauptungen über organisierte Finanzierungsnetzwerke bleiben daher bislang unbelegt.

Internationale Marineeinsätze bleiben ein zentraler Abschreckungsfaktor. Die EU-Mission „Operation Atalanta“ patrouilliert weiterhin im Golf von Aden und im westlichen Indischen Ozean, während Japan, die USA, das Vereinigte Königreich, Indien und mehrere Golfstaaten zur Überwachung und zum Informationsaustausch beitragen. Diese Missionen haben dazu beigetragen, groß angelegte Schiffsentführungen selten zu halten – auch wenn Verantwortliche einräumen, dass das zu überwachende Gebiet riesig ist und die Ressourcen begrenzt bleiben.

Für die Küstengemeinden Somalias sind die Folgen unmittelbar spürbar. Die Fischerei ist eine zentrale Lebensgrundlage, und jede Zunahme maritimer Unsicherheit gefährdet ohnehin fragile lokale Ökonomien. Gemeindevorsteher warnen, dass sich die Lage erneut so zuspitzen könnte, dass junge Männer in kriminelle Netzwerke gedrängt werden – ein Kreislauf, der bereits in früheren Phasen der Instabilität zu beobachten war.

Für den Welthandel reichen die Auswirkungen weit über Somalia hinaus. Der Golf von Aden zählt zu den wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt und verbindet Europa, Asien und den Nahen Osten. Schon ein moderater Anstieg von Piraterieversuchen kann Versicherungsprämien erhöhen, Schiffe zu teuren Umwegen zwingen und humanitäre Lieferungen nach Ostafrika beeinträchtigen.

Eine Eskalation zu verhindern erfordert Maßnahmen an Land wie auf See: den Ausbau somalischer maritimer Verwaltungsstrukturen, eine bessere Küstenüberwachung, den Kampf gegen illegale Fischerei und eine verlässliche, koordinierte Marinepräsenz zur Abschreckung weiterer Angriffe.

Die somalische Piraterie hat noch längst nicht wieder das Ausmaß erreicht, das einst weltweit Schlagzeilen machte – doch die Warnsignale sind sichtbar. Es wäre ein Fehler anzunehmen, die Bedrohung sei verschwunden. Das leise Wiederauftreten der Piraterie könnte morgen zu einer lauteren und kostspieligeren Herausforderung werden, wenn die zugrunde liegenden Schwachstellen nicht angegangen werden.

Bild: Die Küstenwache von Somaliland bei Berbera auf Anti-Piraterie-Patrouille im Roten Meer, Berbera, Somalia. © IMAGO / Aurora Photos
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