iGlobenews hat die Olympischen Spiele in Cortina besucht. Die Winterspiele 2026 werden als die umweltfreundlichsten aller Zeiten beworben und versprechen, sich „an das Gebiet anzupassen“. Doch zwischen gerodeten Lärchenwäldern und milliardenschweren Straßenprojekten zeichnen Kritiker ein anderes Bild des Dolomiten-Events – insbesondere im Vergleich zu den ersten Spielen in Innsbruck und zu Cortina 1956.
Alexandra Dubsky
24 February 2026
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Die Winterspiele Milano Cortina 2026 starteten mit einem ehrgeizigen Versprechen: nachhaltiger zu sein als alle bisherigen Winterspiele. Die Organisatoren verwiesen auf bestehende Sportstätten, die ikonische Alpenkulisse und einen möglichst geringen Neubau dauerhafter Infrastruktur. Im offiziellen Bewerbungsdossier fiel das Wort „Nachhaltigkeit“ mehr als 100 Mal. Nach Angaben der Verantwortlichen eine Premiere in der olympischen Geschichte. Die Behörden versprachen, die Spiele würden sich „an das Gebiet anpassen – nicht umgekehrt“.
Cortina, die sogenannte „Perle der Dolomiten“, schrieb 1956 Geschichte als Gastgeberin der ersten Winterspiele, die international im Fernsehen übertragen wurden. An dieses Erbe knüpfen die Spiele von Milano–Cortina bewusst an und inszenieren sich als Rückkehr zu alpiner Authentizität – diesmal jedoch mit zeitgemäßem Umweltbewusstsein.
Vor der Eröffnungsfeier betonte die Stiftung Milano–Cortina, dass 85 Prozent der olympischen Infrastruktur bereits vorhanden seien oder nur temporär errichtet würden. Diese Zahl wurde zum Kern der Nachhaltigkeitserzählung – und zugleich zum zentralen Angriffspunkt für jene, die diese Darstellung anzweifeln.
Die alpinen Wettkampfstätten liegen mitten in den Dolomiten, einem anerkannten UNESCO-Weltnaturerbe. In der Bewerbung versprach Italien, die Spiele zu nutzen, um „die Bedeutung des Schutzes sensibler Gebirgsökosysteme“ hervorzuheben. Umweltorganisationen wie Mountain Wilderness Italia halten dieses Versprechen jedoch für kaum haltbar. Neben den teuren, neu errichteten Sportanlagen verweisen Kritiker auf zusätzliche und verbreiterte Straßen, ausgebaute Parkflächen und kilometerlange Leitungen – insbesondere für Beschneiungsanlagen.
„Cortina gilt als Königin der Dolomiten. Aber man sollte sie wohl eher ‚Königin des Zements‘ nennen“, sagt der 70-jährige Luigi Casanova, Direktor von Mountain Wilderness. In dem kleinen Ort ragten noch vor der Eröffnungsfeier mehr als 20 Baukräne in den Himmel – ein Bild, das für ihn sinnbildlich für die Entwicklung steht.
Das Internationale Olympische Komitee hatte ursprünglich vorgeschlagen, die Bobwettbewerbe im österreichischen Innsbruck auszutragen, wo bereits eine Weltklassebahn existiert. Doch Italiens Vizepremier sowie Verkehrs- und Infrastrukturminister Matteo Salvini lehnte dies ab und erklärte die Austragung aller Wettbewerbe auf italienischem Boden zur nationalen Angelegenheit. „Die Spiele müssen italienische Spiele sein“, schrieb Salvini im Februar 2024 auf X. Umweltaktivisten warf er vor, die Olympischen Spiele „sabotieren“ zu wollen und Italien „vor der ganzen Welt“ zu verraten.
Für den Bau der neuen Bobbahn wurden rund 800 hundertjährige Lärchen gefällt. „Diese Bäume haben zwei Weltkriege überlebt“, sagte Casanova. „Aber die Vandalen von 2025 haben sie nicht überstanden.“
Die neue Bob- und Rodelbahn ersetzt die Anlage von 1956, die 2008 wegen hoher Unterhaltskosten geschlossen wurde. Kritiker verweisen auf die Parallele zur Bahn von Cesana Pariol bei Turin: Sie wurde für die Olympischen Spiele 2006 gebaut und bereits 2011 aus ähnlichen finanziellen Gründen wieder stillgelegt.
Doch selbst das ist für viele Kritiker nicht der größte Widerspruch zur viel beschworenen „Nachhaltigkeit“. Besonders ins Gewicht fällt der enorme Bedarf an Kunstschnee. Schätzungen zufolge werden für die Spiele rund 84,8 Millionen Kubikfuß Wasser benötigt – das entspricht etwa 380 olympischen Schwimmbecken – allein für die Beschneiung. Je nach Witterung sollen daraus zwischen 56 und 848 Millionen Kubikfuß künstlicher Schnee entstehen.
Das Wasser für die Beschneiung wurde aus alpinen Flüssen wie der Boite entnommen, während energieintensive Pumpsysteme rund um die Uhr liefen – in einer Region, in der Klimaforscher warnen, dass Wintersport angesichts steigender Temperaturen womöglich nur noch wenige Jahrzehnte möglich sein wird. Anders als 1956, als natürlicher Schneefall ausreichte und ein Eislaufwettbewerb sogar auf einem zugefrorenen See stattfand, waren die Spiele 2026 in hohem Maße auf künstliche Schneesysteme angewiesen.
Nach Angaben des Time Magazins ergab eine kanadische Studie aus dem Jahr 2023, dass die Produktion von 1,4 Milliarden Kubikfuß Schnee in einem durchschnittlichen Winter rund 478.000 Megawattstunden Strom pro Jahr erfordert – verbunden mit etwa 130.095 Tonnen CO₂-Emissionen. Überträgt man diese Zahlen grob auf die für Milano–Cortina veranschlagten 84,8 Millionen Kubikfuß Wasser für die Beschneiung, ergibt sich ein Strombedarf von rund 220.000 Megawattstunden. Das entspricht der jährlichen Stromversorgung von etwa 20.000 bis 20.700 Haushalten.
Und das Olympische Dorf? Nach den Spielen sollen insgesamt 377 temporäre Wohneinheiten wieder abgebaut werden – zu Kosten von 38 Millionen Euro. Umgerechnet sind das mehr als zwei Millionen Euro pro Veranstaltungstag, Entsorgungskosten nicht eingerechnet. Architektonisch haben die Bauten wenig mit traditioneller Alpenbauweise gemein, die historisch auf lokale Materialien und möglichst geringe Eingriffe in die Landschaft setzte.
Auch der massive Ausbau der Straßeninfrastruktur passt nur bedingt zum Nachhaltigkeitsversprechen. Rund drei Milliarden Euro flossen in Asphaltprojekte, während für Bahnvorhaben zur Verbesserung der rund 400 Kilometer langen Verbindung zwischen Mailand und Cortina lediglich 700 Millionen Euro vorgesehen waren. Kritiker sehen darin ein deutliches Missverhältnis: Wer den Straßenbau priorisiert und die Schiene vernachlässigt, untergräbt klimapolitische Verkehrsziele.
Die meisten Gäste reisten zu den Winterspielen 1956 mit dem Zug an – über Strecken, die heute längst stillgelegt sind. Die Anlagen waren nach heutigen Maßstäben bescheiden, und natürlicher Schnee bestimmte die Wettbewerbe. Die Spiele stärkten die lokale Wirtschaft, ohne zusätzliche Straßenbauten oder jene komplexen Beschneiungssysteme, die inzwischen als unverzichtbar gelten. Ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein gab es damals kaum, doch ebenso wenig gigantische Infrastrukturprojekte, die primär dem olympischen Spektakel dienten.
Cortina habe jahrzehntelang von den Infrastrukturmaßnahmen der Spiele der 1950er-Jahre profitiert, sagte der lokale Immobilienmakler Filipo Scrocco iGlobenews. „All diese neuen Verbesserungen – ob Hotels, Straßen, Parkplätze oder Sportstätten – waren längst überfällig und werden den Tourismus in naher Zukunft ankurbeln. Vor allem amerikanische Besucher verbinden gern Sightseeing in Venedig mit Skifahren in Cortina, zwei Orte, die nur rund zwei Busstunden voneinander entfernt liegen. … Die Winterspiele haben dazu beigetragen, Cortinas internationales Profil zu schärfen und den Ort wieder auf die Weltkarte zu setzen“, so Scrocco.
Doch die Winterspiele von Turin 2006, die einst für ihre städtebauliche Erneuerung gelobt wurden, nähren Zweifel an diesem Optimismus. Nach den Spielen blieben mehrere Bergsportstätten kaum genutzt oder wurden ganz aufgegeben, allen voran die Bobbahn von Cesana Pariol. Die Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck, selbst mehrfacher Olympia-Ausrichter, hat hingegen wiederholt gezeigt, wie bestehende Infrastruktur weiterverwendet und Neubauten begrenzt werden können. Vor diesem Hintergrund erschien der Vorschlag des IOC, die Rodel- und Bobwettbewerbe nach Österreich zu verlegen, als logische Konsequenz einer nachhaltigen Strategie – eine Option, die die italienischen Organisatoren jedoch ablehnten. Milano–Cortina 2026 war ein nationales Prestigeprojekt mit sportlichen Höhepunkten und neuen olympischen Rekorden. Die zweiwöchigen Spiele verliefen ohne sichtbare Pannen.
Was sie jedoch kaum waren, war „nachhaltig“. Das ist der eigentliche Preis solcher Mega-Events – ein modernes „Brot und Spiele“, dessen ökologische Rechnung erst später beglichen wird.






