Die Mille Miglia, oft als das romantischste Autorennen der Welt bezeichnet, führt über eine anspruchsvolle Strecke von mehr als 1600 Kilometern quer durch Nord- und Mittelitalien – von Brescia, der lombardischen Industriestadt und Wiege des italienischen Motorsports, bis nach Rom und wieder zurück. Die Ausgabe 2025, die vom 17. bis 21. Juni stattfand, vereinte ausschließlich Fahrzeuge, die bereits zwischen 1927 und 1957 an dem Rennen teilgenommen hatten. Was einst als waghalsige Geschwindigkeitsprüfung begann, ist heute ein rollendes Denkmal für Ingenieurskunst, Ausdauer und Eleganz des Motorsports der frühen Moderne.
Alexandra Dubsky
2 February 2026
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„Was einst als lokale, familiengeführte Veranstaltung begann – ein freundschaftlicher Wettstreit unter Bekannten –, hat sich zu einem internationalen Marketingereignis mit Millionenbudget und hochpreisigem Ticketing entwickelt, das längst ein ernstzunehmendes Geschäftsmodell ist“, sagt ein Brancheninsider, der im italienischen „Motor Valley“ ein Unternehmen betreibt, das technische Unterstützung bei Oldtimerveranstaltungen wie der Mille Miglia anbietet und anonym bleiben möchte.
Was einst als erweitertes Familientreffen von Oldtimer-Enthusiasten begann, ist heute ein Mega-Event mit rund 400 Teilnehmern, wie auf der Website der Veranstaltung heißt.
Hinter der romantischen Fassade verbirgt sich ein bemerkenswert robustes Geschäftsmodell. Offizielle Startgebühren beginnen bei rund 15.000 Euro, umfassende Hospitality-Pakete inklusive Logistik, Transport und Concierge-Service können jedoch mehr als 75.000 Euro kosten. Für Sammler ist das nur der Anfang: Der Transport eines seltenen Ferrari 250 MM oder Jaguar XK120 verschlingt schnell weitere Zehntausende – von Versicherung und Restaurierung ganz zu schweigen.
Internationale Reiseveranstalter vermarkten „Join the Mille Miglia“-Erlebnispakete vor allem an Fahrer aus Nordeuropa – etwa Scandinavians Nostalgic (Deutschland), Select Motor Racing (Großbritannien), Twynham Tours (Großbritannien) oder Daytona (Dänemark), die sich insbesondere an Teilnehmer aus Skandinavien richten.
Die Mille Miglia sei einst eine wirklich globale Veranstaltung gewesen, inzwischen habe sie sich jedoch zunehmend zu einem Rennen mit stark deutscher und nordeuropäischer Prägung entwickelt, so der Brancheninsider weiter.



Luxusmarken betrachten die Mille Miglia als Marketingjuwel. Der Schweizer Uhrenhersteller Chopard fungiert seit 1988 als offizieller Zeitnehmer und bringt jährlich limitierte Chronographen heraus, die zu begehrten Sammlerstücken geworden sind. Auch Alfa Romeo, Mercedes-Benz Heritage, Pirelli und Brembo zählen zu den festen Partnern, die ihre Traditionsgeschichten gezielt mit dem Mythos des Rennens verknüpfen wollen.
Die Mille Miglia entstand tatsächlich aus lokalem Stolz. Als Brescia 1926 den Großen Preis von Italien an Monza verlor, beschlossen vier Visionäre aus der Stadt – Aymo Maggi, Franco Mazzotti, Renzo Castagneto und Giovanni Canestrini –, ihr eigenes Rennen zu organisieren. Die Idee: eine Tausend-Meilen-Fahrt von Brescia nach Rom und zurück – quer durch das anspruchsvolle Herz Italiens.
Beim ersten Rennen 1927 gingen 77 Teams an den Start, 51 erreichten das Ziel. Den Sieg holten sich Minoia und Morandi in einem OM 665 Superba mit einer damals beeindruckenden Durchschnittsgeschwindigkeit von 77 km/h. Schon wenige Jahre später galt die Mille Miglia als ultimative Bewährungsprobe für Fahrzeuge und wagemutige Fahrer.
Hersteller wie Alfa Romeo, Maserati, Lancia und später Ferrari nutzten das Rennen als Testlabor für Innovationen und erprobten Zuverlässigkeit, Aerodynamik und Motorentechnik auf öffentlichen Straßen. Bereits in den 1930er-Jahren war die Mille Miglia zum berühmtesten Straßenrennen Europas geworden – ein global beachtetes Ereignis, das den modernen Motorsport bis heute geprägt hat.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Mille Miglia zu einem Symbol des italienischen Wiederaufbaus. In dieser Zeit nutzte Enzo Ferrari das Rennen, um seine neuen Fahrzeuge zu präsentieren – und schuf Legenden wie den Ferrari 166 MM und den 340 America.
1955 stellten Stirling Moss und Denis Jenkinson einen bis heute unerreichten Rekord auf: Rund 1000 Meilen in 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden – mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,65 km/h in einem Mercedes-Benz 300 SLR. Ihre Fahrt gilt vielen als die größte Einzelleistung der Motorsportgeschichte.
Die Ära endete abrupt im Jahr 1957, als ein Unfall nahe Guidizzolo in der Lombardei mehrere Menschenleben forderte. Die italienische Regierung untersagte daraufhin Hochgeschwindigkeitsrennen auf öffentlichen Straßen – und die Mille Miglia verschwand zunächst in der Legende, bis sie rund 30 Jahre später zurückkehrte.
Seit 1987 wird die Mille Miglia als Gleichmäßigkeitsrallye ausgetragen – ein Fahrereignis, bei dem Konstanz und Timing wichtiger sind als reine Geschwindigkeit. Der Geist des Rennens lebt jedoch in den Fahrzeugen und natürlich in den jubelnden Zuschauermassen weiter.
Die Strecke 2025 verband erneut Brescia mit Cervia Milano Marittima, Rom, Bologna und Parma, bevor es zurück nach Brescia ging – entlang jener Straßen, die schon vor fast einem Jahrhundert befahren wurden. Zu den prominenten Teilnehmern der vergangenen Jahre zählten internationale Sammler, Rennsportveteranen und Prominente wie AC/DC-Frontmann Brian Johnson, der Oscarpreisträger Jeremy Irons oder das britische Model und TV-Gesicht Jodie Kidd.
Die Mille Miglia ist zugleich ein Motor des Tourismus. Entlang der Strecke erreichen Hotels während der Rennwoche Auslastungen von nahezu 100 Prozent. Die Ausgabe 2025 sorgte Schätzungen zufolge für direkte und indirekte Ausgaben in Höhe von 30 bis 80 Millionen Euro – von Hotellerie und Gastronomie über Transport bis zum Einzelhandel. Für Regionen wie die Lombardei, Emilia-Romagna und die Toskana zählt das Rennen zu den größten jährlichen Einnahmequellen im Premiumtourismus.
Auch die mediale Reichweite der Mille Miglia – von TV-Übertragungen bis zu sozialen Netzwerken – verstärkt Italiens globales Image als Zentrum von Design, Handwerkskunst und Lebensstil.
Die Marke Mille Miglia wurde inzwischen zu einem internationalen Franchise ausgebaut: Neben dem italienischen Original führt die offizielle Organisation sechs internationale „1000 Miglia“-Veranstaltungen unter dem geschützten Red-Arrow-Label im Ausland durch, ergänzt durch zahlreiche unabhängig organisierte Rallyes im „1000-Miglia“-Stil weltweit. Dazu zählen offizielle Warm-up-Events in Österreich und der Schweiz sowie vollständige Veranstaltungen in Griechenland, China, den Vereinigten Arabischen Emiraten und den USA.
Nach Einschätzung der Branche dürfte sich dieser Trend fortsetzen und weltweit zu weiteren lizenzierten Veranstaltungen führen.
Der besondere Charme der Mille Miglia liegt in ihrer Nähe zum Alltag. Anders als bei vielen historischen Rennen führen die Fahrzeuge durch gewöhnliche Straßen, Märkte, Piazze und Gebirgspässe – Orte, an denen Zuschauer Geschichte buchstäblich zum Greifen nah erleben können.
Lokale Handwerker verkaufen handgenähte Fahrhandschuhe und Lederhelme, Museen kuratieren Sonderausstellungen rund um die Mille Miglia. Familien richten ihre Urlaubsplanung nach der Strecke aus, und Städte wetteifern um den festlichsten Empfang am Straßenrand.
Während sich die Mille Miglia ihrem hundertjährigen Jubiläum im Jahr 2027 nähert, wächst ihre Bedeutung weiter. Für Italien ist sie nicht nur eine Erinnerung – sondern ein Ausdruck nationaler Identität.
Die Mille Miglia lebt nicht wegen des Wettbewerbs fort, sondern wegen der Emotionen. Sie bleibt, was Enzo Ferrari einst nannte: „das schönste Rennen der Welt.“
Helden der Mille Miglia
Über drei Jahrzehnte des Wettbewerbs brachte die Mille Miglia große Legenden hervor, deren Namen bis heute in der Motorsportgeschichte nachhallen.
Mehrfache Gesamtsieger der Mille Miglia
Giuseppe Campari – 2 Siege
1928, 1929 (Alfa Romeo)
Der opernsingende Rennfahrer gehörte zu den frühen Meistern der Mille Miglia. Seine Doppelsiege festigten den Ruf von Alfa Romeo als dominierende Kraft im Motorsport der späten 1920er-Jahre.
Tazio Nuvolari – 2 Siege
1930, 1933 (Alfa Romeo)
Als „Il Mantovano Volante“ – der fliegende Mantuaner – gilt Nuvolari bis heute als einer der bewundertsten italienischen Fahrer. Sein Triumph von 1930, als er in der letzten Nacht ohne Scheinwerfer fuhr, um Varzis Mercedes im Dunkeln zu überholen, gehört zu den großen Legenden des Rennsports.
Clemente Biondetti – 4 Siege (Rekordhalter)
1938, 1947, 1948, 1949 (vor allem mit Ferrari und Alfa Romeo)
Mit vier Erfolgen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg ist Biondetti der unangefochtene Rekordhalter der Mille Miglia. Seine Siege über zwei Epochen hinweg trugen maßgeblich zur frühen Nachkriegsdominanz Ferraris bei.
Bis heute ist sein Rekord ungebrochen. Auch wenn Nuvolari die ikonischste Figur bleibt, gilt Biondetti als der erfolgreichste Fahrer der Mille Miglia.
Erasmo Simeone
Der venezianische Ferrari-Pilot nahm mehrfach an dem berühmten Rennen teil und gehört zu den bekannten Namen der Veranstaltung.






