Jahrzehnte lang galt der offene Ozean als bequeme Müllhalde für radioaktiven Abfall. Tief unter der Oberfläche des Nordostatlantiks – in Regionen, die Forschende lange für träge und nahezu leblos hielten – versenkte man Hunderttausende (einst) versiegelte Behälter mit nuklearem Material. Heute sind ihre genauen Positionen vielfach unklar, ihr Zustand weitgehend unbekannt und die ökologischen Folgen nur in Ansätzen erforscht. Eine von Frankreich geleitete wissenschaftliche Expedition ist nun aufgebrochen, um dieses nukleare Erbe genauer zu untersuchen.

Zwischen 1946 und 1993 galt es als legitim, radioaktive Stoffe im Meer zu entsorgen. Der Abfall wurde in Asphalt oder Beton eingebettet, in Metallfässer gefüllt, die dicht halten sollten, und in internationalen Gewässern versenkt. Erst 1980 wurde diese Praxis öffentlich bekannt – bis dahin erschien sie vielen als pragmatisch, sicher und kostengünstig. Mindestens 14 europäische Staaten verklappten ihren Atommüll an mehr als 80 Standorten im Atlantik. Allein im Nordostatlantik liegt die größte Ansammlung: Schätzungsweise 200.000 Fässer ruhen dort in Tiefen von bis zu 4000 Metern auf dem Meeresgrund.

Bis die Praxis offiziell beendet wurde, vergingen Jahrzehnte. Zwar begannen die Verklappungen bereits 1946, doch erst 1975 entstand mit dem Londoner Übereinkommen – dem internationalen Abkommen zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch das Einbringen von Abfällen und anderen Stoffen – ein wirksamer Regulierungsrahmen. Hochradioaktive Abfälle wurden noch im selben Jahr verboten. Ein umfassendes Verbot der Entsorgung radioaktiver Stoffe auf See wurde jedoch erst 1993 beschlossen.

Nach Angaben des „Waste Disposal Inventory“ der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) von 1999 wurden rund 53,4 Prozent des versenkten Materials als schwachradioaktiver Abfall eingestuft. Mehr als 93 Prozent davon landeten an Standorten im Nordostatlantik – vor allem durch europäische Staaten. Weitere 43,3 Prozent bestanden aus deutlich gefährlicherem Material, darunter ganze Reaktoren und abgebrannte Brennelemente, die größtenteils von der ehemaligen Sowjetunion im Meer entsorgt wurden.

Detaillierte Karten der Verklappungszonen wurden nur selten erstellt, und die Aufzeichnungen unterscheiden sich von Land zu Land erheblich. Frühere Kontrollkampagnen litten zudem unter begrenzten technischen Möglichkeiten; häufig wurde gewissermaßen ins Blaue hinein beprobt, ohne die genaue Lage der Fässer zu kennen. Über Jahrzehnte haben Strömungen, Sedimentbewegungen und Korrosion die Behälter zusätzlich verschoben. Ein Umstand der eine direkte Überprüfung ihres Zustands erschwert. Genau das ist einer der zentralen Beweggründe der französischen Mission.

Forschende des französischen CNRS, des Meeresforschungsinstituts Ifremer sowie der französischen ozeanografischen Flotte wollen diese Lücke nun mit der Mission „NODSSUM“ schließen. Zum interdisziplinären Team gehören Kernphysiker, Geologen, Ozeanografen, Biologen und Meereschemiker. Im Zentrum des Projekts steht UlyX, ein autonomes Unterwasserfahrzeug, das bis in Tiefen von 6000 Metern vordringen kann.

Mit Sonartechnik tastet UlyX großflächig den Meeresboden ab und sucht nach Auffälligkeiten, die auf versenkte Fässer hindeuten könnten. Werden entsprechende Strukturen entdeckt, bleibt das Fahrzeug über ihnen stehen und liefert hochauflösende Aufnahmen, anhand derer sich Lage, Häufung und äußerer Zustand der Behälter beurteilen lassen. In einer zweiten, für 2026 geplanten Etappe wollen die Forschenden dann gezielt nach Radionukliden im Meerwasser, in Sedimenten und in Meeresorganismen suchen. Parallel dazu werden Referenzwerte zur natürlichen Hintergrundstrahlung erhoben, um mögliche Belastungen eindeutig von anderen nuklearen Quellen unterscheiden zu können.

Hinweise auf zerfallende Fässer sind nicht neu. Bereits im Jahr 2000 dokumentierte Greenpeace im Casquets-Tief im Ärmelkanal stark korrodierte und teils eingestürzte Behälter. Die Aufnahmen zeigten weit fortgeschrittene Materialschäden – und nährten die Sorge, dass radioaktive Stoffe in das umliegende Wasser austreten könnten.

Schon zum Zeitpunkt der Versenkung war klar, dass die Fässer nicht für die Ewigkeit gebaut waren. Der radioaktive Abfall wurde daher nicht lose eingefüllt, sondern in Bitumen oder Asphalt eingebettet und als feste Masse in eine Stahlhülle eingeschlossen. Dass Salzwasser Stahl angreift, war selbstverständlich bekannt. Die begrenzte Lebensdauer der Behälter galt somit als einkalkuliertes Risiko – nicht als überraschendes Versagen.

Die Kostenfragen spielten eine offene Rolle. In einem vertraulichen Protokoll der deutschen Bundesregierung, unter Kanzler Adenauer, vom 11. Mai 1962 heißt es: „Die Kosten [der Entsorgung] werden durch Endlagerung durch Versenkung im Meer drastisch herabgesetzt, (insbesondere durch Verwendung möglichst billiger Behälter) […].“ Des weiteren war die Bundesrepublik Deutschland war aktiv daran beteiligt, die internationale Verklappung im Meer voranzutreiben. Dies belegen interne Vermerke in Dokumenten des deutschen Bundesforschungsministeriums aus dem Jahr 1962.

Entscheidend ist jedoch, dass der langfristigen Wechselwirkung zwischen dem Bitumen und biologischen Prozessen kaum Beachtung geschenkt wurde – insbesondere für den Fall, dass die Stahlhülle einmal versagt. Frühe Annahmen zeichneten den Tiefseeboden als kalt, biologisch inaktiv und nahezu leblos. Diese Vorstellung ist inzwischen überholt. Die Tiefseeforschung hat gezeigt, dass selbst die Tiefseeumgebungen (Abyssal Environments) des Ozeanbodens von aktiven mikrobiellen Gemeinschaften besiedelt sind.

Über lange Zeiträume könnten Wechselwirkungen zwischen Mikroorganismen und Bitumen oder Asphalt die schützende Matrix um den Abfall allmählich schwächen. Die entscheidende Frage lautet daher: Zerfallen Stahl und Bitumen schneller, als die radioaktiven Stoffe selbst in weniger schädliche Formen übergehen? Ein Großteil des im Atlantik versenkten Materials gilt zwar als schwach- oder mittelradioaktiv – doch diese Einordnung kann in die Irre führen. Radionuklide zerfallen mit höchst unterschiedlichen Halbwertszeiten: Manche verlieren ihre Gefährlichkeit innerhalb weniger Jahrzehnte, andere bleiben über Milliarden Jahre hinweg bestehen.

Auch Plutoniumisotope wurden in Tiefseeorganismen der nordatlantischen Abyssalebenen nachgewiesen. Das weckt die Sorge, dass sich insbesondere 238Pu über die Nahrungskette anreichern könnte. Zwar sind die gemessenen Konzentrationen in der Regel gering und werden häufig von natürlich vorkommenden Radionukliden wie Polonium-210 oder Kalium-40 dominiert (FP. Carvalho et al. 2011), doch ein Zusammenhang mit versenktem Material ist bislang nicht eindeutig ausgeschlossen. Genau diese verbleibende Unsicherheit steht im Zentrum der aktuellen französischen Mission. Sie verbindet die visuelle Lokalisierung der Behälter mit gezielten Probenahmen von Wasser, Sedimenten und Meeresorganismen – und markiert damit einen methodischen Fortschritt bei der Aufarbeitung dieses Erbes.

Die Leitung der NODDSUM–Mission betont, es gehe nicht darum, frühere Entscheidungen moralisch zu bewerten, sondern ihre Folgen mit heutigen technischen Möglichkeiten zu erfassen. Während einer einzigen Expedition lassen sich nur rund 3000 der geschätzten 200.000 Fässer untersuchen – ein Bruchteil des Ganzen. Dennoch schafft die Mission eine neue Ausgangsbasis: Zum ersten Mal wird die bestehende Unsicherheit selbst als Forschungsproblem begriffen, das systematisch untersucht werden muss und nicht länger als hinzunehmende Unschärfe.

In der ersten Phase der Mission wurde der Meeresboden zunächst lediglich nach Fässern abgescannt. Bis belastbare radiologische und technische Ergebnisse vorliegen, wird noch Zeit vergehen. Doch unabhängig davon, wie hoch eine mögliche Kontamination am Ende ausfällt, wirkt die damalige Praxis selbst wie eine Mahnung. Genau dafür gibt es das Vorsorgeprinzip: Es soll irreversible Entscheidungen verhindern, wenn die langfristigen Folgen ungewiss sind – und ungewiss waren sie zweifellos. Was einst als billige und bequeme Lösung für menschengemachten Abfall galt, erscheint heute als vertrautes Muster: Die eigentlichen Risiken und Kosten wurden vertagt und künftigen Generationen überlassen. Sollte eine Bergung überhaupt technisch möglich sein, dürfte sie um ein Vielfaches teurer werden als die damaligen kurzfristigen Einsparungen – bei gleichzeitiger Gefährdung, die im Grundsatz die körperliche Unversehrtheit des Menschen berühren kann.

Bild: Toxische Fässer treiben im Wasser bei Sonnenuntergang – 3D-Visualisierung. © IMAGO / Depositphotos
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner